Stadtohr

Stadtrundgang Würzburg · Station 9 von 16

Marienkapelle (Würzburg)

· gotik, pogrom 1349, bürgerkirche, riemenschneider

Ausführlich

Sie stehen vor der Marienkapelle. Bevor wir über Architektur sprechen, muss ich Ihnen sagen, auf welchem Boden dieses Haus steht. Im Pestjahr 1349 wurde das Gerücht ausgestreut, die Juden seien durch Brunnenvergiftungen schuld am Ausbruch der Pest. Am 21. April 1349 kam es in Würzburg zu einem Pogrom. Würzburger Juden wurden ermordet, das Judenviertel geschleift, die Synagoge niedergebrannt. Die ehemals florierende jüdische Gemeinde der Stadt wurde vernichtet. Bald nach dem Pogrom begann man an der Stelle der zerstörten Synagoge den Bau einer Marienkapelle aus Holz. Unter der Sakristei sollen sich Reste einer Mikwe erhalten haben, eines jüdischen Ritualbades. Das ist die Entstehungsgeschichte dieses Gebäudes, und sie lässt sich nicht von ihm trennen. 1377 begann der Bau der Kirche, die Sie heute sehen, bezahlt mit Geld- und Sachspenden der Würzburger Bürger. Nach der Bauinschrift an der südlichen Außenseite des Langhauses legte Bischof Gerhard von Schwarzburg am 16. Mai 1377 den Grundstein. 1441 muss das Langhaus größtenteils gestanden haben, denn in jenem Jahr nutzte Bischof Sigismund von Sachsen, aus dem Dom vertrieben, die Marienkapelle kurzzeitig als Kathedralkirche. Ebenfalls 1441 begann an der Nordwestecke der Bau des 70 Meter hohen Turms. In der ursprünglichen Planung war er nicht vorgesehen. Er entstand, weil das Haus seine Bedeutung änderte: Aus der Kapelle wurde die Rats- und Bürgerkirche, und der Turm war ein rein städtisches Vorhaben. 1479 war er fertig. Kirchenrechtlich blieb der Bau trotz seiner Größe eine Kapelle, weil er von der Bürgerschaft errichtet und nicht mit pfarrkirchlichen Rechten ausgestattet wurde. Schauen Sie jetzt nach oben, auf die Turmspitze. Dort dreht sich eine 3,45 Meter hohe goldene Doppelmadonna wie eine Wetterfahne, auf einer drehbaren Eisenkonstruktion, angebracht 1713. Dann der Blick nach unten, auf den Sockel des Gebäudes. Rund um die Kirchenmauer sitzen seit 1437 die Schwalbenlädle, kleine Kramläden. Sie brachten der Kirche erhebliche Mieteinnahmen. Am Südportal stehen Adam und Eva. Die Sandsteinfiguren sind Kopien eines Werks von Tilman Riemenschneider, der 1490 vom Stadtrat einen der letzten großen Aufträge in der Tradition der Kathedralskulptur erhielt. Der Stadtrat verlangte eine meysterliche Fertigung, also eine eigenhändige. Die Originale stehen heute im Mainfränkischen Museum auf der Festung Marienberg. Im Inneren liegt noch jemand, den wir heute schon mehrfach erwähnt haben: Balthasar Neumann, der Baumeister der Residenz, ist in dieser Kirche begraben. Am 16. März 1945 wurde die Kapelle schwer beschädigt und brannte vollständig aus, zahlreiche Kunstwerke gingen verloren. Als eine der letzten im Krieg zerstörten Würzburger Kirchen wurde sie am 20. März 1962 geweiht.

Kurzfassung

Sie stehen vor der Marienkapelle an der Nordseite des Unteren Marktes. Trotz ihrer Größe ist sie kirchenrechtlich nur eine Kapelle, weil die Bürgerschaft sie baute und ihr keine Pfarrrechte gegeben wurden. Der Grundstein wurde am 16. Mai 1377 gelegt. Der Turm ist 70 Meter hoch.

Für Kinder

Dieses Gebäude ist riesig und sieht aus wie eine Kirche. Trotzdem heißt es Kapelle, und eine Kapelle ist sonst klein. Warum? Weil nicht die Kirche dieses Haus gebaut hat, sondern die Bürger der Stadt. Hier ist auch etwas Trauriges passiert. Vorher stand an dieser Stelle die Synagoge, dort betete die jüdische Gemeinde. 1349 brach die Pest aus. Viele Menschen glaubten die Lüge, die Juden seien schuld. Sie zerstörten die Synagoge und töteten Menschen. Schau nach oben: Auf der Turmspitze dreht sich eine goldene Figur im Wind. Kannst du sie sehen?

Quellen

Koordinaten: 49.7948, 9.92958 · auf der Karte

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