Sie stehen vor der Stiftskirche St. Georg. Sie steht auf einem Bergsattel zwischen Österberg und Spitzberg, nördlich des Neckars, und sie ist das weithin sichtbare Wahrzeichen Tübingens. Dieses Haus wurde nicht gebaut, es wurde über fast zweihundert Jahre zusammengestückelt, immer dann, wenn Geld da war. Das ist seine eigentliche Geschichte. Zuerst zum Datum, denn es gibt mehrere. Wikidata nennt 1401. Eine Quelle nennt andere Zahlen: 1188 die erste urkundliche Erwähnung eines Sakralbaus an dieser Stelle, damals mit dem Rang einer Kapelle, 1191 die Erhebung zur Pfarrkirche Tübingens, 1411 den Beginn des Glockenturms als ältestem Teil der heutigen Kirche und 1470 bis 1490 den Neubau. Ich nenne Ihnen die ältere Angabe und sage dazu, dass es mehrere gibt. Unter Ihnen liegen zwei Kirchen. Bei einer Innenrenovierung von 1962 bis 1964 wurden Ausgrabungen durchgeführt und zwei romanische Vorgängerbauten gefunden. Der ältere, vermutlich aus dem 11. Jahrhundert, war eine dreischiffige Basilika mit halbrundem Chor und zwei Nebenapsiden, die Mittelachse lag etwas weiter nördlich als heute. Im Zentrum des Chors, direkt unter dem Altar, fand sich ein gemauerter Sarkophag mit einer außergewöhnlichen Bestattung: einem scheinbar dreibeinigen Individuum. Kurz nach der Ausgrabung war klar, dass das überzählige Bein von einer unvollständig erhaltenen älteren Bestattung stammte. Die Mär vom dreibeinigen Utz hielt sich im Tübinger Volksmund trotzdem. Der zweite Bau, Mitte des 12. Jahrhunderts, war schlechter erhalten. Nun das Stückwerk. 1411 begann der Glockenturm. Bis 1468 stand er bis zum Glockengeschoss, dann stoppte ihn der Neubau des Chores ab 1470. Der Chor war 1478 fertig. 1476 zog das Chorherrenstift Sindelfingen nach Tübingen, und St. Georg wurde von der Pfarrkirche zur Stiftskirche erhoben. 1478 begann das Langhaus und war um 1490 fertig, aber nicht ganz: Wegen finanzieller Schwierigkeiten bekamen Haupt- und Seitenschiffe nur eine provisorische Holzdecke. Erst 1529 ging es weiter, mit dem Turmhelm. 1534 wurde das Chorherrenstift infolge der Reformation aufgehoben, 1537 war St. Georg wieder Pfarrkirche. Ab 1550 wurde der Chor, der bis dahin als Aula der Universität diente, zur Grablege der württembergischen Herzogsfamilie. Dort liegen Eberhard im Bart, Herzog Ulrich, Sabina von Bayern und Eva Christina von Mömpelgart, deren Grabmal von Christoph Jelin stammt. 1590 vollendete Georg Beer den Glockenturm mit der hölzernen Spitze. Von 1411 bis 1590: hundertneunundsiebzig Jahre für einen Turm. Und die provisorische Holzdecke des Langhauses hielt bis 1877, als man bei einer großen Renovierung endlich einwölbte, mit einem Netzrippengewölbe aus Zement und Ton und Gewölbefeldern aus Tuffstein. Schauen Sie die Dachlinie entlang. Das Holz darunter ist datiert: Die Nadelholz- und Eichenstämme für den Chor wurden im Winter 1473 auf 1474 gefällt, die für das Langhausdach zwischen 1487 und 1489. Geschlagen wurde im Schwarzwald und über den Neckar geflößt. An den Balken sind die Floßaugen zu erkennen, die Löcher, durch die die Stämme zu Flößen verbunden wurden. Der Fluss, an dem wir heute endeten werden, hat diese Kirche geliefert. Zwei Dinge im Inneren. Der Hochaltar des Chores wurde im Bildersturm 1536 vernichtet. Erhalten ist der Klappaltar von 1520, ein Werk des Dürer-Schülers Hans Schäufelin, der in Nördlingen Stadtmaler war: in der Mitte die Kreuzigung, auf den Flügelinnenseiten Kreuztragung und Beweinung. Und zuletzt ein Grund, warum diese Kirche beinahe gerissen wäre. In den 1960er Jahren zeigten sich Risse an der Fassade und im Kirchenschiff. Die Ursache lag unter dem Haus: ein Luftschutzkeller aus dem Zweiten Weltkrieg, der vom Holzmarkt unter die südwestliche Fassade und dann in die Münzgasse lief. Gebaut wurde er von Zwangsarbeitern, gedacht war er für die Polizei- und Gestapodienststelle in der Münzgasse 13 und für die Bürger der Innenstadt. Nach dem Krieg geriet er in Vergessenheit und kam erst durch die Schäden wieder ins Bewusstsein. Nachdem man ihn großteils mit Beton verfüllt hatte, stabilisierte sich die Kirche. Am Turm können Sie hinaufsteigen, über Wendeltreppen und den Dachraum zur Galerie in fünfundvierzig Metern Höhe. Dort oben sehen Sie den ganzen Rest dieses Rundgangs auf einmal.
Sie stehen vor der Stiftskirche St. Georg. In ihrer heutigen Form entstand sie von 1470 bis 1490 unter Graf Eberhard im Bart, als das Chorherrenstift von Sindelfingen herzog und die Universität gegründet wurde. Zwei romanische Vorgängerbauten liegen unter ihr.
Diese Kirche ist das bekannteste Gebäude der Stadt. Man sieht ihren Turm von weit her. Gebaut wurde sie in kleinen Stücken, immer wenn wieder Geld da war. Der Turm wurde 1411 angefangen und erst 1590 fertig. Das sind 179 Jahre, also etwa sechs Menschenleben. So lange haben die Leute auf die Turmspitze gewartet. Und das Dach über dem Kirchenschiff war fast vierhundert Jahre lang nur eine Notlösung aus Holz. Unter der Kirche haben Forscher zwei ältere Kirchen gefunden. In einem Steinsarg lag ein Skelett, das drei Beine zu haben schien. Es waren aber zwei Menschen übereinander. Trotzdem erzählten die Leute danach vom dreibeinigen Utz. Wenn du magst, steig den Turm hinauf. Oben, in fünfundvierzig Metern Höhe, siehst du die ganze Stadt.
Koordinaten: 48.52, 9.056111111 · auf der Karte