Stadtohr

Stadtrundgang Tübingen · Station 12 von 16

Franziskanerkloster Tübingen

1272 · kloster, reformation, wilhelmsstift, armut

Ausführlich

Sie stehen an der Collegiumsgasse. Hier stand von 1272 an ein Franziskanerkloster, und an diesem Haus lässt sich ein Widerspruch studieren, den der Orden mit sich selbst austrug: den Widerspruch zwischen Armut und Besitz. 1272 wurde hier mit Unterstützung des Pfalzgrafen Heinrich von Tübingen eine Niederlassung des 1210 gegründeten Franziskanerordens eingerichtet. Es war nach dem Augustinerkloster das zweite Kloster Tübingens. Zum Kloster gehörten ein Friedhof und eine Kirche, die der Mutter Gottes geweiht war. Und dann kam, was oft kommt. Das Kloster erwarb bescheidenen Grundbesitz, verwaltet von zwei weltlichen Pflegern. Etwa hundert Jahre nach der Gründung wird unter anderem ein Weinberg mit etwa dreihundert Stöcken bei Hirschau genannt. Ab Mitte des 14. Jahrhunderts nahm man Pfründner ins Kloster auf, also Menschen, die sich ein Einkommen aus dem Klostervermögen sicherten. Eine Quelle sagt dazu klar, dass dies dem franziskanischen Grundsatz der persönlichen Armut widersprach. Die Umkehr kam 1446, unter der Förderung der Gräfin Mechthild von Württemberg und mit Nicolaus Caroli, dem Guardian in Heidelberg: Rückkehr zum strengen Armutsgebot. Die Güter gingen an das Tübinger Spital, das dafür die Jahrtage abhielt und zweihundert Pfund Heller zum Klosterbau und zum weiteren Aufbau der Bibliothek beisteuerte. Das Kloster gab seinen Besitz ab und bekam Bücher. Danach ging es aufwärts. Von Tübingen aus wurden Klöster in Horb, Rottenburg und Nürtingen reformiert, außerdem stellte man die Beichtväter für das Klarissenkloster Pfullingen. 1476 brannte das Kloster zur Hälfte ab und wurde bald wieder aufgebaut. 1510 und 1518 fand hier das Provinzkapitel der Oberdeutschen Franziskanerprovinz statt, ab 1520 war der Tübinger Guardian zugleich Oberer der Schwäbischen Kustodie. Nach der Gründung der Universität 1477 richtete das Kloster eigene Studiermöglichkeiten ein, Franziskaner wurden als Lektoren für Philosophie und Theologie berufen. 1485 wurde der vierundzwanzigjährige Paul Scriptoris Guardian und blieb es bis 1501. Seine theologischen Vorlesungen wurden weit über Tübingen hinaus bekannt. 1501 wurde er unter dem Vorwurf der Häresie seiner Ämter enthoben und nach Basel versetzt, 1502 ging er nach Rom. Eine Episode gehört noch hierher, weil sie unerwartet ist. Im September 1525 fragte der Humanist Johann Fabri in diesem Kloster eine russische Gesandtschaft auf ihrer Rückkehr aus Spanien ausführlich aus, im Auftrag des späteren Kaisers Ferdinand I. Die Niederschrift erschien 1526 in Basel. Ferdinand schickte das Buch seinen Emissären als Leitfaden nach, und es wurde zu einer wichtigen Quelle für die Reiseberichte Siegmund von Herbersteins. Deshalb kann dieses Kloster als Wiege der deutschsprachigen Russlandkunde gelten. Das Ende kam mit der Reformation. Herzog Ulrich von Württemberg hob das Kloster auf. Hier nennt eine Quelle zwei Jahre: in der Einleitung 1534, im Text 1535. Ich nenne Ihnen beide. 1540 zerstörte ein Brand die leerstehenden Gebäude. Zwischen 1588 und 1592 ließ Herzog Ludwig an ihrer Stelle unter Leitung von Georg Beer einen Renaissance-Neubau für eine Ritterakademie errichten, das Collegium illustre. Deren adelige Studenten übten im Tummelgarten, dort, wo Sie eben im Alten Botanischen Garten standen. 1817 wurde hier das neue Höhere Katholische Konvikt eingerichtet, das heutige Wilhelmsstift. Dessen Garten wurde später für den Bau von St. Johannes verkleinert.

Kurzfassung

Sie stehen an der Collegiumsgasse, wo von 1272 bis zur Reformation das Franziskanerkloster stand. Pfalzgraf Heinrich von Tübingen unterstützte die Gründung. Herzog Ulrich hob das Kloster auf, ein Brand zerstörte 1540 die leeren Gebäude. Heute steht hier das Wilhelmsstift.

Für Kinder

Hier stand früher ein Kloster. Franziskaner lebten darin, Mönche, die eigentlich gar nichts besitzen wollten. Das war ihre wichtigste Regel: arm sein. Mit der Zeit bekam das Kloster trotzdem Felder, Häuser und sogar einen Weinberg mit dreihundert Weinstöcken. 1446 entschieden die Mönche: Das passt nicht zu uns. Sie gaben ihren Besitz an das Krankenhaus der Stadt ab. Dafür bekamen sie Geld für Bücher. Sie tauschten also Felder gegen eine Bibliothek. Vor fünfhundert Jahren wurde das Kloster geschlossen, später brannten die leeren Häuser ab. Heute steht hier ein anderes Gebäude, in dem Studenten wohnen. Würdest du den Weinberg hergeben, wenn du dafür eine Bibliothek bekommst?

Quellen

Koordinaten: 48.5211, 9.05514 · auf der Karte

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