Stadtohr

Stadtrundgang Tübingen · Station 6 von 16

Jakobuskirche

1377 · kirche, unterstadt, pilgerweg, hochwasser

Ausführlich

Sie stehen vor der Jakobuskirche, auch Spitalkirche genannt, und Sie stehen damit in einem anderen Tübingen. Oben, um Markt, Rathaus und Stiftskirche, lag die Oberstadt. Hier unten im Ammertal lebten vor allem die Weingärtner, Bauern und Gewerbetreibenden. Diese Unterstadt heißt Gôgei, und ihr Mittelpunkt sind diese Kirche und der benachbarte Salzstadel. Zum Alter zwei Angaben. Erstmals erwähnt wird die Kirche 1377, und dieses Jahr trägt sie auch als Datum in Wikidata. Eine Quelle datiert den Bau aber auf um 1200, als romanische Kapelle, und nennt dazu ein hartes Detail: Sie steht auf etwa vierzehn Meter langen Eichenpfählen. Ich nenne Ihnen die ältere Angabe und sage dazu, dass es zwei gibt. Mit ihr gilt die Jakobuskirche als ältestes noch bewohntes Gebäude Tübingens. Die Eichenpfähle hatten einen Grund, und der Grund hieß Wasser. Das Ammertal stand im Frühjahr häufig unter Hochwasser. Die Lösung von 1500 war radikal: Man füllte die Kirche um etwa zweieinhalb Meter auf und hob die Umgebung entsprechend an. Im selben Zug wurde sie zur heutigen Form umgebaut und nach Osten um einen Chor ergänzt. Gehen Sie an die Choraußenwand und schauen Sie unter das Fenster. Dort steht in alter Schreibweise: ano dmi 1500 in dem 10 tag des brach mond ist gelegt der erst stain an dissen kor. Der zehnte Tag des Brachmonds ist der 10. Juni. Die Kirche war lange Filialkirche der Stiftskirche in der Oberstadt und diente, nahe dem Spital, als Spitalkirche. In ihrer unmittelbaren Nähe stand die Konradskapelle, die später als Anatomiegebäude diente und 1853 aufgegeben wurde. Dann wird es für einige Jahrzehnte ein geteiltes Haus. Nach der Säkularisation von 1806 trafen am 8. Februar 1807 der neu ernannte katholische Stadtpfarrer Johann Georg Dürlewanger und der lutherische Stadtpfarrer Müller eine Übereinkunft: Beide Konfessionen nutzen die Kirche nach einem festen Plan gemeinsam. Am 15. Februar 1807 wurde hier die erste katholische Messe in Tübingen seit der Reformation gelesen. Beiden Gemeinden wurde es bald zu eng. Von 1875 bis 1878 entstand, auch mit evangelischer Unterstützung, die St.-Johannes-Kirche, und von da an war die Spitalkirche wieder rein evangelisch. Seit 1918 ist sie eigenständige Pfarrkirche. Zwei Dinge noch zum Anschauen. Im Chorraum sitzt im Schlussstein des Kreuzgewölbes der Heilige Jakobus selbst, mit Mantel, Muschel, Stab und Hut. Die Kirche ist eine Station auf dem europäischen Pilgerweg nach Santiago de Compostela, und der Schlussstein bezeugt dieses Wallfahrtswesen. Und außen finden Sie Quader mit Reliefs konzentrischer Kreise, teilweise mit angesetzten, geknickt erhobenen Armen. Sie werden Sonnenscheiben genannt. Was sie bedeuten, ist nicht abschließend geklärt. Dazu gibt es ein eigenes Buch und keine Antwort. Von hier gehen wir zurück zum Kornhaus, diesmal nicht zum Museum, sondern zum Haus selbst.

Kurzfassung

Sie stehen vor der Jakobuskirche, auch Spitalkirche genannt. Sie wurde um 1200 als romanische Kapelle auf Eichenpfählen errichtet und gilt als ältestes noch bewohntes Gebäude Tübingens. 1377 wird sie erstmals erwähnt. Mit dem Salzstadel bildet sie das Zentrum der Unterstadt.

Für Kinder

Diese Kirche ist das älteste Haus in Tübingen, in dem heute noch Menschen zusammenkommen. Gebaut wurde sie vor etwa achthundert Jahren. Weil der Boden hier nass und weich ist, steht sie auf langen Pfählen aus Eichenholz, vierzehn Meter lang, wie dicke Stelzen unter der Erde. Trotzdem kam im Frühling oft das Hochwasser. Deshalb haben die Menschen im Jahr 1500 etwas Verrücktes gemacht: Sie haben den Boden in der Kirche und rundherum um zweieinhalb Meter höher gelegt. Die Kirche wurde also nicht höher, der Boden kam herauf. Geh einmal um die Kirche herum und suche die runden Kreise, die in die Steine gemeißelt sind. Niemand weiß genau, was sie bedeuten. Was glaubst du?

Quellen

Koordinaten: 48.5214, 9.05111 · auf der Karte

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