Stadtohr

Stadtrundgang Tübingen · Station 15 von 16

Hölderlinturm

1921 · hölderlin, turm, museum, stadtmauer

Ausführlich

Sie stehen am Hölderlinturm, unten am Neckar, und damit an einem Haus, das zwei Dinge gleichzeitig ist: ein Stück Stadtmauer und eine Wohnung. Zum Datum. Wikidata nennt 1921. Das ist das Jahr, in dem die Stadt Tübingen das Haus mit Unterstützung der Vereinigung zur Erhaltung und Erwerbung des Hölderlinturms kaufte. Älter ist fast alles andere: Die Geschichte des Turms lässt sich bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgen, denn sein Sockel war Teil der mittelalterlichen Stadtmauer entlang des nördlichen Neckarufers. Ein unmittelbar angrenzendes Haus ist seit dem frühen 17. Jahrhundert belegt. Im späten 18. Jahrhundert setzte man auf den Sockel ein achteckiges Stockwerk und verband es mit dem Haus unter einem Dach. Ich nenne Ihnen die ältere Angabe und sage dazu, dass es mehrere gibt. 1807 erwarb der Schreinermeister Ernst Friedrich Zimmer das Gebäude. Und nun der Satz, an dem dieses Haus hängt: Zimmer nahm noch im gleichen Jahr Friedrich Hölderlin auf, der als unheilbar krank aus dem Autenriethschen Klinikum entlassen worden war. Der Grund war kein Auftrag und kein Geschäft. Zimmer bewunderte Hölderlins Hyperion. Ein Handwerker las einen Roman und holte daraufhin den Verfasser in sein Haus. Hölderlin bewohnte sechsunddreißig Jahre lang im ersten Stock ein bescheiden eingerichtetes Zimmer, vom 3. Mai 1807 bis zu seinem Tod 1843. Schauen Sie an der Flussseite hinauf, dort lag es. Er schrieb in dieser Zeit weiter, meist unter dem Pseudonym Scardanelli, und empfing Besucher. Zu ihnen gehörten Wilhelm Waiblinger und Eduard Mörike, damals Studenten am Tübinger Stift. Erinnern Sie sich an die erste Station dieses Rundgangs: Dort begann der Weg, hier endet er bei denselben Namen. Hermann Hesse beschrieb 1914 in seiner Erzählung Im Presselschen Gartenhaus einen Besuch der beiden bei dem kranken Hölderlin. Um Hölderlin herum ging das Leben eines normalen Hauses weiter. Zimmer baute das zweistöckige Gebäude bis 1828 mehrmals aus. Er starb 1838, danach kümmerte sich seine Tochter Charlotte um den Dichter. 1874 erwarb der Schuhmachermeister Carl Friedrich Eberhardt das Haus, erweiterte es wieder und richtete eine Badeanstalt ein. Am 14. Dezember des folgenden Jahres brannte der Turm bis auf das Erdgeschoss ab. Das ist der entscheidende Satz für alles, was Sie gerade ansehen: Der Turm vor Ihnen ist nicht Hölderlins Turm. Auf den Grundmauern entstanden bald ein neuer, runder Turm mit spitzerem Dach und ein größeres angrenzendes Haus. In den Bauplänen steht der Name Hölderlin's Turm. Der Name war vor dem Bau da. 1921 kaufte die Stadt. 1984 näherte eine Renovierung das Innere der Raumaufteilung zu Hölderlins Zeit an. Von August 2017 bis Februar 2020 wurde grundlegend saniert und umgestaltet und die Dauerausstellung überarbeitet. Im Turm und im angrenzenden Haus befinden sich heute das Hölderlin-Museum mit Dauerausstellung, Sonderausstellungen und einer Präsenzbibliothek. Verwaltet wird das Haus von der Stadt in enger Kooperation mit der 1943 gegründeten Hölderlin-Gesellschaft, die hier ihren Sitz hat. Dass dieser Ort inzwischen selbst ein Stoff ist, zeigt eine Satire, die im Mai 2022 im Landestheater Tübingen Premiere hatte. Sie heißt Die Sprengung des Hölderlinturms. Sehen Sie die flachen, langen Boote an der Anlegestelle? Das sind die Stocherkähne, von denen am Stift die Rede war. Von hier aus schauen wir zum Schluss auf die ganze Häuserzeile.

Kurzfassung

Sie stehen am Hölderlinturm am Neckar. Benannt ist er nach dem Dichter Friedrich Hölderlin, der hier vom 3. Mai 1807 bis zu seinem Tod 1843 lebte. Sein Sockel gehört zur mittelalterlichen Stadtmauer. Heute ist im Haus das Hölderlin-Museum.

Für Kinder

Dieses runde Haus am Fluss heißt Hölderlinturm. Hier lebte der Dichter Friedrich Hölderlin, sechsunddreißig Jahre lang, in einem kleinen Zimmer im ersten Stock. Er war krank, und die Ärzte sagten, sie können ihm nicht helfen. Da nahm ihn ein Schreiner bei sich auf. Warum? Er hatte ein Buch von Hölderlin gelesen und fand es wunderschön. Hölderlin schrieb weiter Gedichte, aber er unterschrieb sie mit einem falschen Namen: Scardanelli. Eines musst du wissen: Der Turm, den du siehst, ist nicht mehr der echte. 1875 brannte er ab. Danach wurde ein neuer gebaut, diesmal rund. Unten am Wasser liegen lange flache Boote. Damit stochern Studenten mit langen Stangen den Fluss hinauf. Würdest du mitfahren?

Quellen

Koordinaten: 48.519344, 9.055728 · auf der Karte

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