Stadtohr

Stadtrundgang Saarbrücken · Station 4 von 16

St. Johanner Markt

· marktplatz, mittelalter, nationalsozialismus, fußgängerzone

Ausführlich

Sie stehen auf dem St. Johanner Markt. Schauen Sie sich um und merken Sie sich Ihren ersten Eindruck: ein geschlossener barocker Platz, alles aus einer Zeit. Nun die Geschichte dazu. 1322 erhielt das Dorf St. Johann mit einem Freiheitsbrief die Stadtrechte und legte diesen Platz als Ortsmitte an. Die Lage ergab sich aus dem Saarübergang und aus der Kreuzung zweier Handelswege, von Metz nach Mainz und von Straßburg nach Trier. 1503 brannte es, und die meisten mittelalterlichen Gebäude dürften dabei zerstört worden sein. Den Dreißigjährigen Krieg überstand kaum ein Haus mit den für die Zeit typischen Holzgalerien. Mitte des 18. Jahrhunderts kamen unter Fürst Wilhelm Heinrich neue barocke Bürgerhäuser nach einer Konzeption Friedrich Joachim Stengels. Nachweislich war Stengel an keinem einzelnen Hausbau am Markt direkt beteiligt. Und jetzt zu 1938. Unter Hermann Keuth, dem Leiter des Saarlandmuseums und des Konservatoramtes, wurde der Markt einem radikalen Sanierungsprogramm unterzogen. Alle Spuren des Historismus und des Jugendstils wurden an der Marktbebauung entfernt, damit der Platz ein einheitlich barockes Gepräge erhielt. Häuser, die zu hoch erschienen, wurden reduziert. Häuser, die als zu niedrig erachtet wurden, aufgestockt. Am Gasthaus Zur Eiche, Haus Nummer 16, schlug man den plastisch gearbeiteten Eichenstamm ab. Das reich gestaltete Haus Kautze Eck, mit Kreuzstockfenstern, aufwendigen Schweifgiebeln und einem Eckerker in den Formen der Neorenaissance, wurde zu einem schlichten pseudo-barocken Gebäude umgestaltet. Sämtliche Häuser des Marktes wurden in einem einheitlichen hellen Grau gestrichen, auch die vorbarocken, die nachweislich ursprünglich Tönungen in Beige bis Rot gehabt hatten. Die Stadt hatte für jedes einzelne Haus die gewünschten Veränderungen ausgearbeitet und Skizzen angefertigt. Die Umbauten wurden auch gegen den Willen der Hauseigentümer durchgeführt, und die Kosten mussten diese größtenteils selbst tragen. Einundsechzig Hausfassaden, umgestaltet innerhalb von zwei Monaten. Der Grund für die Eile: Adolf Hitler sollte die Stadt im Oktober 1938 besuchen, und der Markt sollte saniert erscheinen. Den Marktbrunnen versetzte man aus verkehrstechnischen Gründen auf die andere Platzseite, weil man so größere Vorbeimärsche der Parteiformationen über den Markt führen konnte. Dann die Bombenangriffe vom 29. und 30. Juli und vom 5. Oktober 1944. Die Häuser der Südseite, Nummer 9 bis 21, wurden unter Erhaltung der barocken Fassaden wieder aufgebaut. Nach dem Krieg etablierte sich am heruntergekommenen Markt verstärkt das Rotlichtmilieu. Anfang der 1960er Jahre riss man historische Häuser ab, die den Krieg überstanden hatten, aus verkehrstechnischen Gründen. Die Lücke wurde 1975 mit einem einzigen barockisierenden Neubau als Eckhaus geschlossen. Von 1976 bis 1979 wurde der Markt schließlich saniert und die Durchgangsstraße in eine Fußgängerzone umgewandelt, unter Oberbürgermeister Oskar Lafontaine. Schauen Sie jetzt noch einmal hin. Der geschlossene barocke Platz ist eine Arbeit von vier Jahrhunderten und von mindestens drei politischen Systemen, und das letzte große Umbauprogramm sollte einem Besuch gefallen.

Kurzfassung

Sie stehen auf dem St. Johanner Markt, dem Zentrum der saarländischen Landeshauptstadt. Das Dorf St. Johann erhielt 1322 mit einem Freiheitsbrief die Stadtrechte und legte diesen Platz als Ortsmitte an. Er entstand als aufgeweiteter Straßenmarkt an der Kreuzung der Handelswege von Metz nach Mainz und von Straßburg nach Trier. Von 1976 bis 1979 wurde er zur Fußgängerzone umgebaut.

Für Kinder

Du stehst auf dem St. Johanner Markt. Vor siebenhundert Jahren war das hier ein Dorf. Dann durfte es sich Stadt nennen, und dieser Platz wurde die Mitte. Schau dir die Häuser an. Sie sehen alle ähnlich aus, als wären sie zur gleichen Zeit gebaut worden. Das stimmt aber nicht. Im Jahr 1938 wollten die Nationalsozialisten, dass der Platz einheitlich aussieht, weil Adolf Hitler zu Besuch kommen sollte. Also wurden Häuser, die zu hoch waren, kürzer gemacht, und Häuser, die zu niedrig waren, höher. Alle wurden grau angestrichen, auch die, die früher rot oder beige waren. Einundsechzig Häuser in nur zwei Monaten. Die Besitzer wollten das oft gar nicht und mussten trotzdem selbst dafür bezahlen. Später fielen Bomben auf den Platz, und man baute ihn wieder auf. Heute dürfen hier keine Autos fahren. Würdest du dein Zimmer umbauen, nur weil Besuch kommt?

Quellen

Koordinaten: 49.23266722, 6.99629233 · auf der Karte

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