Stadtohr

Stadtrundgang Saarbrücken · Station 10 von 16

Saarländisches Staatstheater

1938 · theater, nationalsozialismus, musikgeschichte

Ausführlich

Sie stehen vor dem Saarländischen Staatstheater. Bevor wir über das Gebäude sprechen, zwei Namen aus der Zeit davor. Vor der Französischen Revolution gab es in Saarbrücken drei Spielstätten: das Schlosstheater im Schloss, das 1786 neu errichtete Komödienhaus am Ludwigsplatz und ein Freilichttheater auf dem Malstatter Ludwigsberg. Das Komödienhaus war modern gedacht. Theaterbauten waren bis dahin in Häuserfluchten eingebunden, nun wurden sie monumentale Baukörper mit Tempelfronten und kolossalen Säulen, quasi sakrale Heimstätten Apolls und der Musen. Das Saarbrücker Haus zitierte in vereinfachten Formen das Pariser Théâtre de la Comédie-Française, das Ludwig XVI. 1779 in Auftrag gegeben hatte. Theaterdirektor war August Wilhelm Iffland, dem die Stadt am 5. Februar 1790 das Ehrenbürgerrecht verlieh. Die Bühnenbauten oblagen dem Hofarchitekten Balthasar Wilhelm Stengel, und als Schauspieler fungierten die Mitglieder der Hofgesellschaft. 1800 wurde das Komödienhaus abgerissen. Nun das Haus vor Ihnen. 1922 war auf Initiative des Bürgermeisters Hans Neikes die Gemeinnützige Theater- und Musikgesellschaft gegründet worden. Sie erhielt beachtliche Fördermittel der Reichsregierung in Berlin, und zwar mit einem erklärten Zweck: Saarbrücken sollte als Bastion deutscher Kulturpolitik positioniert und das Saargebiet gegen Französisierungsbestrebungen abgeschottet werden. Theater war hier von Anfang an Grenzpolitik. Dann die Jahre ab 1931. Die NSDAP griff Ensemble- und Orchestermitglieder sowie den Intendanten Georg Pauly und den Generalmusikdirektor Felix Lederer aufgrund ihrer jüdischen Herkunft zunehmend an, bis diese ihre Positionen verließen. Bei Felix Lederer bleiben wir einen Moment. 1935, nach dem Anschluss des Saargebietes, musste er wie alle übrigen jüdischen Theatermitglieder Saarbrücken verlassen. Zusätzlich zur Entlassung erhielt er von der Reichstheaterkammer ein Berufsverbot. Nur die Ehe mit seiner nichtjüdischen Frau Dora ermöglichte ihm in Berlin das Überleben, unter schwierigen Bedingungen. Und dann, 1952, dirigierte Felix Lederer im Alter von fünfundsiebzig Jahren das Jubiläumskonzert zum vierzigjährigen Bestehen des Saarbrücker Orchesters. Er kam zurück an das Pult, das man ihm genommen hatte. Das Gebäude selbst entstand 1937 und 1938 im Auftrag von Joseph Goebbels, nach Entwürfen von Paul Otto August Baumgarten, einem der favorisierten Architekten Hitlers. Bauplatz war das neu aufgeschüttete Areal der ehemaligen Bleichwiese, südöstlich der Alten Brücke. Baumgartens Theater in Saarbrücken und das Theater Dessau wurden zur gleichen Zeit geplant, gebaut und eröffnet und ähneln sich stark. In Dessau sind die runden Formen ins Rechteckige umgeformt, und dort fehlen die Schieferdächer, die diesen Bau in das altstädtische Umfeld einbinden. Mit dem Grenzlandtheater Zittau von 1936 sind diese beiden die einzigen Theaterneubauten des sogenannten Dritten Reiches. Gleich gehen wir über die Alte Brücke. Schauen Sie von dort noch einmal zurück.

Kurzfassung

Sie stehen vor dem Saarländischen Staatstheater. Das Gebäude wurde 1937 und 1938 im Auftrag von Joseph Goebbels nach Entwürfen von Paul Baumgarten im neoklassizistischen Stil erbaut. Es ist einer von nur drei Theaterneubauten des sogenannten Dritten Reiches. Heute spielt hier ein Mehrspartentheater mit rund dreißig Premieren im Jahr.

Für Kinder

Du stehst vor einem großen Theater. Es wurde vor fast neunzig Jahren gebaut, und zwar als Geschenk mit Absicht: Die Nationalsozialisten wollten damit zeigen, wie wichtig ihnen diese Stadt an der Grenze war. In diesem Theater arbeitete früher ein Dirigent namens Felix Lederer. Ein Dirigent ist der Mensch, der vor dem Orchester steht und die Musiker zusammenhält. Felix Lederer war jüdisch. Deshalb durfte er nicht mehr arbeiten und musste aus der Stadt weggehen. Er hat den Krieg überlebt. Und dann passierte etwas Besonderes: Im Jahr 1952 kam er zurück und dirigierte hier wieder ein Konzert. Da war er fünfundsiebzig Jahre alt. Was glaubst du, wie er sich gefühlt hat, als er wieder vor dem Orchester stand?

Quellen

Koordinaten: 49.230833333, 6.996111111 · auf der Karte

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