Stadtohr

Stadtrundgang Quedlinburg · Station 10 von 16

St. Nikolai

1222 · kirche, neustadt, sturmschaden, erxleben

Ausführlich

Sie stehen vor St. Nikolai, der Pfarrkirche der Neustadt. Diese Station handelt von einem Bauwerk, das sich seit achthundert Jahren gegen seinen eigenen Untergrund wehrt. Fangen wir unten an. Die Kirche soll auf Pfählen und Ellernblöcken, also auf Erlenholz, in sumpfigem Gelände errichtet worden sein. Erstmals erwähnt wird sie 1222, womit sie die älteste Kirche der Neustadt ist. Ursprünglich war sie eine dreischiffige romanische Basilika. Heute ist der Westbau frühgotisch, die übrigen Teile sind spätgotisch. Der Chorraum kam im dreizehnten Jahrhundert hinzu, weitere Anbauten im fünfzehnten. Dann die Türme. Zweiundsiebzig Meter, Doppeltürme, Landmarke. 1878 erhielten sie nach zahlreichen Blitzeinschlägen einen Blitzableiter. Am Helm des Nordturms sitzt ein kleines Türmchen, das Saigertürmchen, das die Nordrichtung anzeigen soll; es stammt aus dem Barock und enthält das Schlagwerk für die Turmuhr. Am 13. November 1972 kam der Orkan Quimburga. Beide Turmhelme drohten abzustürzen, besonders der des Südturms war beschädigt, die Anwohner mussten für einige Tage ihre Häuser verlassen. Es wurde erwogen, die Türme abzutragen. Man ließ es, weil sie als weithin sichtbare Landmarke erhalten bleiben sollten. Jetzt kommt ein Stück deutsche Geschichte in Zahlen. Die Evangelische Kirche in Deutschland stellte zwischen 1973 und 1975 achthundertsiebenundsiebzigtausend D-Mark bereit, damit über ein Kirchenbauprogramm in der DDR dieselbe Summe in DDR-Mark für die Bauleistungen verfügbar war. Von 1973 bis 1980 wurden die Türme saniert, mit Kupfer eingedeckt, Wetterfahnen und Knöpfe neu vergoldet. In den Nordturm kam ein neues Uhrwerk, 1979 gebaut vom VEB Spezialuhren Leipzig. Heute treibt ein elektrisches Werk die Zeiger, weil das mechanische zu störanfällig war. Der weiche Untergrund blieb. Am 1. Dezember 2013 löste sich im südlichen Seitenschiff ein Stück Gewölberippe. Die Decke musste überspannt werden, die Kirche war zeitweise gesperrt. Die Kirchenbücher zeigten, dass sich immer wieder Rippen gelöst hatten. Ultraschallmessungen ergaben, dass die historischen eisernen Verbindungsdübel korrodiert waren; dazu kamen der weiche Sandstein und der instabile Untergrund. Ab 2017 wurden alle Rippensteine durch stabileren Warthauer Sandstein ersetzt, 2021 war das fertig. Schauen Sie zu den Turmecken. Dort stehen zwei Schäferfiguren, an den beiden anderen Ecken steinerne Hunde. Dazu gehört eine Überlieferung aus der Bauzeit: Ein ortsansässiger Schäfer soll einen reichen Schatz gefunden und ihn für den Bau dieser Kirche zur Verfügung gestellt haben. Deshalb heißt sie auch Schäferkirche. Die Figuren mussten aus statischen Gründen zeitweise heruntergenommen werden und standen im Inneren, heute sind sie wieder an ihren alten Plätzen. Innen stammt der Großteil der Ausstattung aus dem Barock. Der Altar aus Holz ist über zehn Meter hoch und sieben Meter breit, gefertigt 1712 vom Bildschnitzer Jobst Heinrich Lessen aus Goslar, mit den Szenen Abendmahl, Kreuzigung, Kreuzabnahme und Auferstehung. Der Altartisch ist vermutlich romanisch, die Kanzel von 1731, der Taufengel von 1693, das Taufbecken mittelalterlich. An Heiligabend 1996 brach ein Feuer aus, ausgelöst durch eine defekte Sitzbankheizung. Der Innenraum verrußte stark, Fenster wurden durch geschmolzenes Zinn beschädigt, Teile der Decke lösten sich. Der Großteil der Sanierungskosten wird durch Spenden von Quedlinburger Privatleuten und Firmen aufgebracht, weshalb die Arbeiten viele Jahre dauern. Und zum Schluss die Glocken. Von einst mindestens fünf sind zwei übrig. Die große Glocke von 1333 ist die älteste datierte der Stadt und eine der ältesten Sachsen-Anhalts; sie trägt vier seltene Ritzzeichnungen von hoher Qualität. Die Magdalenenglocke von 1290 wurde 1873 neu gegossen und im Ersten Weltkrieg vernichtet. Noch ein Name zum Mitnehmen: Dorothea Christiane Erxleben, die Frau des hiesigen Pastors Johann Christian Erxleben, promovierte 1754 an der Universität Halle als erste deutsche Ärztin.

Kurzfassung

Sie stehen vor St. Nikolai, der Pfarrkirche der Neustadt. Erstmals urkundlich erwähnt wurde sie 1222 und ist damit die älteste Kirche dieses Stadtteils. Ihre Doppeltürme sind zweiundsiebzig Meter hoch. Gebaut wurde die Kirche in sumpfigem Gelände, auf Pfählen und Erlenholz.

Für Kinder

Diese Kirche steht in der Neustadt und ist über achthundert Jahre alt. Der Boden hier war sumpfig. Deshalb hat man die Kirche auf Holzpfähle gestellt, so wie ein Haus auf Stelzen. Weicher Boden ist kein guter Platz für ein schweres Steingebäude, und das macht bis heute Arbeit. Schau mal hoch zu den Ecken der Türme: Dort stehen zwei Schäfer aus Stein, an den anderen Ecken zwei Hunde. Erzählt wird, dass ein Schäfer einen Schatz fand und damit den Bau der Kirche bezahlte. Darum heißt sie auch Schäferkirche. Hier wohnte außerdem Dorothea Erxleben. Sie wurde 1754 die erste Ärztin in Deutschland, zu einer Zeit, als Frauen das eigentlich nicht durften.

Quellen

Koordinaten: 51.789561, 11.149628 · auf der Karte

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