Stadtohr

Stadtrundgang Quedlinburg · Station 11 von 16

Rathaus Quedlinburg

13. Jahrhundert · rathaus, gotik, roland, stadtrecht

Ausführlich

Sie stehen vor dem Rathaus Quedlinburg, Markt 1. Erinnern Sie sich an den Anfang des Rundgangs: Zuerst war das Stift, erst um 1300 wuchs die Stadt. Dieses Haus ist die Antwort der Stadt darauf. 1229 wird erstmals ein Magistrat erwähnt, 1265 erstmals ein Rat. 1284 sind die ältesten Bürgermeister in Urkunden genannt, Johannes Daz in der Altstadt und Johannes Smalt in der Neustadt. Die Hölzer des Dachstuhls wurden 1289 gefällt, 1310 ist das Rathaus erstmals urkundlich erwähnt. Das Gebäude ist fünfundzwanzig Meter breit und siebzehn Meter hoch. Schauen Sie auf die östliche Außenwand: Sie steht schräg zum Gebäude, weil sie dem Verlauf der einmündenden Breiten Straße folgt. Das Haus hat sich der Straße gefügt, nicht umgekehrt. Die heutige Fassade entstand 1615 und 1616. Die gotischen Spitzbogenfenster wichen paarweisen rechteckigen Fenstern, der Eingang wanderte von der westlichen Giebelseite auf die Südseite zum Markt, wo bis dahin die Ratsapotheke war. Der westliche Zugang wurde erst 1862 vermauert. Zum neuen Portal von 1616 führt eine Freitreppe mit sieben Stufen; es ist von Säulen gerahmt und hat Sitznischen. Überliefert ist sogar der Lohn: Der Steinmetz, der das Portal ausführte, wurde mit zweiundvierzig Talern und achtzehn Groschen bezahlt. Die Figur der Abundantia darüber, die römische Göttin des Überflusses, schuf der Bildhauer Georg Stier für zweiundzwanzig Taler. Links des Portals erinnert eine Tafel von 1922 an die erste urkundliche Erwähnung der Stadt im Jahr 922 durch Heinrich I. An der Südwestseite steht ein zweigeschossiger Archivturm mit sechseckigem Grundriss vom Ende des vierzehnten Jahrhunderts, erstmals erwähnt 1460. In seinem Obergeschoss lag der geheime Schatzraum, wegen seiner ungewöhnlich gewölbten Decke Kesselbudde genannt. Ursprünglich war der Turm farbig: rote Fensterleibungen, weiße Maßwerkspiegel, einige graue Rauten. Bis Anfang des neunzehnten Jahrhunderts hing an der Südseite ein Halseisen, das als Pranger genutzt wurde. Verwaltung war hier immer auch Alltag. Im Erdgeschoss gab es eine Arrestzelle, den Bürgergehorsam, und die Marktmeisterei, in der die geeichten Gewichte und Maße lagen. Auf dem Dachboden wohnte der Marktmeister. Hier stand auch der Raubgrafenkasten, der heute im Schlossmuseum zu sehen ist und in dem Albrecht II. von Regenstein vom 7. Juli 1336 bis zum 20. März 1338 gefangen gewesen sein soll. Ab 1588 tagte der Rat dreimal wöchentlich, gerufen von der Ratsglocke der Benediktikirche. 1583 war das Rathaus Ort eines theologischen Streitgesprächs, 1645 wurde hier ein ägyptischer Löwe zur Schau gestellt. Nun zum Konflikt, und der steht in diesem Haus an der Wand. Im Sitzungssaal hängen sechs Wandbilder, die der Berliner Künstler Otto Marcus um 1900 im Stil des Historismus schuf. Sie zeigen die Einführung der ersten Äbtissin Mathilde in ihr Amt 966, die Einbringung des gefangenen Raubgrafen, die Heimkehr dreier Bürgermeister von der Winterjagd, die Einführung der Reformation durch den blinden Prediger Kirchhoff 1534, das Einrücken Brandenburger Truppen 1698 und den Sturz des Rolands bei der Unterwerfung der Stadt 1477. Dieses letzte Bild ist das bemerkenswerteste. 1477 verlor die Stadt einen Machtkampf, in dem sich die Stadt Quedlinburg und der Bischof von Halberstadt gegen die Äbtissin Hedwig von Sachsen und ihre Brüder gestellt hatten; danach war die kursächsische Vogtei über das Reichsstift festgeschrieben. Der Roland, das Zeichen städtischer Freiheit, wurde gestürzt. Die Stadt hat sich diese Niederlage vierhundert Jahre später selbst in den Ratssaal gemalt. Und südwestlich des Rathauses steht heute wieder ein Roland. Zur Erweiterung von 1899 bis 1901 gehört ein Verlust, der genannt werden muss: Für den Neubau wurde das älteste erhaltene Haus der Stadt, Hoken 7, abgerissen. In der Zeit des Nationalsozialismus diente der Platz vor dem Rathaus bei den Heinrichs-Feiern als Kulisse für Propaganda, im Beisein von Heinrich Himmler. Das ist kein Nebensatz, und wir kommen am Ende des Rundgangs darauf zurück. 1974 wurden die im Halbkreis angeordneten Sitze und Pulte der Ratsherren entfernt.

Kurzfassung

Sie stehen vor dem Rathaus Quedlinburg, Markt 1. Das gotische Gebäude geht im Kern bis in die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts zurück und ist eines der ältesten Rathäuser Deutschlands. Die Hölzer seines Dachstuhls wurden 1289 gefällt. Südwestlich steht der Quedlinburger Roland.

Für Kinder

Das hier ist eines der ältesten Rathäuser in Deutschland. Die Bäume für seinen Dachstuhl wurden im Jahr 1289 gefällt. Das kann man an den Holzbalken herausfinden, so wie man das Alter eines Baumes an den Ringen abliest. Schau dir die Blumenkästen vor den Fenstern an. Die sind nicht nur zur Zierde da. Früher wuchsen darin Kräuter, weil es in den Amtsstuben muffig roch und die Kräuter die Luft besser machten. Über der Tür steht eine Figur: eine Göttin, die für Überfluss steht, also dafür, dass alle genug haben. Und ein Stück weiter steht ein Roland aus Stein. Ein Roland bedeutete: Diese Stadt hat eigene Rechte. Einmal, im Jahr 1477, wurde er umgestürzt, weil die Stadt einen Streit verloren hatte.

Quellen

Koordinaten: 51.7896, 11.142 · auf der Karte

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