Sie stehen vor dem Quedlinburger Domschatz, einem der bedeutendsten Schätze Deutschlands. Das Servatiusreliquiar besteht aus einem Elfenbeinkasten mit Goldfiligran. Der Kasten entstand höchstwahrscheinlich um 870 am Hof Karls des Kahlen im Westfränkischen Reich. Er zeigt Jesus im Gespräch mit elf seiner Apostel, Judas wurde ausgelassen. Über den Rundbogenarkaden sitzen in kleinen Nischen die Tierkreiszeichen. Die Goldmontierungen kamen um 1200 hinzu, wohl im Auftrag der Äbtissin Agnes II. von Meißen. Vorn ist ein Amethyst eingesetzt, ein Kameo aus der frühen römischen Kaiserzeit, in Form eines Dionysoskopfes. Rechnen Sie zusammen, was da aufeinanderliegt: römische Antike, westfränkisches Elfenbein, Quedlinburger Gold. Der Heinrichskamm ist ein Schmuckkamm aus Elfenbein, gearbeitet im siebten oder achten Jahrhundert in Syrien oder Ägypten. Die Goldelemente des neunten oder zehnten Jahrhunderts zeigen zwei voneinander abgewandte Pferdehälse, die Köpfe fehlen. Der Name verweist auf eine nachträglich zugeschriebene Verbindung zu Heinrich I. Man kann das als späten Akt der Memoria deuten: Ein alter Gegenstand bekam den Namen des Königs, an den hier erinnert wurde. Das älteste Stück ist der Kana-Krug aus Alabaster, erstes Jahrhundert. Otto I. brachte ihn als Reliquie hierher, vergleichbare Krüge verteilte er auf Magdeburg, Hildesheim und Köln. Dann die Bücher. Das Samuhel-Evangeliar, benannt nach seinem Hauptschreiber, hat einhunderteinundneunzig Pergamentseiten in Goldtinte, der Prachteinband von 1225 bis 1230 ist aus Gold und trägt neun Zellenemailarbeiten. Eine einzelne Seite erzählt die unwahrscheinlichste Geschichte. Die Quedlinburger Itala war eine illustrierte Bibelhandschrift des fünften Jahrhunderts. Im siebzehnten Jahrhundert wurde sie ausgesondert, von einem Buchbinder zerlegt und als Einbandmaterial verwendet. Zwischen 1865 und 1889 fand man fünf Blätter in den Einbänden anderer Schriften. Es sind die ältesten bekannten illustrierten Bibeltexte überhaupt. Vier Blätter liegen heute in Berlin, eines ist hier. Zum Diebstahl von 1945 gehören noch die Einzelheiten. Der Leutnant, der die Auslagerungshöhle bewachte, war kunsthistorisch bewandert. Er schickte zwölf Stücke nach Whitewright in Texas und musste sich später vor einem Kriegsgericht verantworten. Beutekunst im eigentlichen Sinn war es nie, denn es war die Tat eines Einzelnen und erfolgte nicht auf Befehl der Besatzungsbehörden. Nach seinem Tod 1980 versuchten die Erben zu verkaufen. Nach langem juristischen Ringen und einem Vergleich, für den drei Millionen Dollar gezahlt wurden, kehrten zehn Stücke 1992 zurück. Seit dem 19. September 1993 ist der Schatz hier wieder fast vollständig zu sehen. Ein Bergkristallflakon und ein Reliquienkreuz sind weiter verschollen.
Sie stehen vor dem Quedlinburger Domschatz. Dreiundsechzig Stücke aus dem Besitz des Stifts sind in zwei Räumen der Stiftskirche zu sehen. Ein Großteil kam als Geschenk des ottonischen Herrscherhauses an das Damenstift. Zwölf Stücke wurden 1945 gestohlen, zehn kehrten 1992 zurück.
In diesen Räumen liegt ein Schatz: dreiundsechzig Stücke aus Gold, Elfenbein und Edelsteinen. Das älteste ist ein Krug aus Stein, fast zweitausend Jahre alt. Und jetzt kommt eine Räubergeschichte. Im Krieg versteckten die Leute den Schatz in einer Höhle. Ein Soldat, der die Höhle bewachen sollte, nahm zwölf Stücke mit und schickte sie heimlich mit der Post nach Amerika. Erst siebenundvierzig Jahre später kamen zehn davon zurück. Zwei fehlen immer noch. Was denkst du, wo die beiden jetzt sein könnten?
Koordinaten: 51.78575, 11.137 · auf der Karte