Stadtohr

Stadtrundgang Potsdam · Station 9 von 16

Garnisonkirche

1730 · kirche, militär, nationalsozialismus, wiederaufbau

Ausführlich

Sie stehen am Turm der Garnisonkirche, und diese Station ist unbequem. Das ist nicht zu vermeiden, denn an diesem Gebäude hängen zwei Geschichten, die sich nicht trennen lassen. Zuerst das Bauwerk. Erbaut 1730 bis 1735 im Auftrag des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I. nach Plänen des Architekten Philipp Gerlach, galt die Kirche als ein Hauptwerk des norddeutschen Barocks. Der Turm war 88,43 Meter hoch und damit das höchste Bauwerk Potsdams. Der Innenraum war anfangs schmucklos: massive Pfeiler, Korbbögen, flache Decke, zweigeschossige Emporen, einfache Holzausstattung. Die Zivilgemeinde saß im Erdgeschoss, die Militärgemeinde auf den Emporen. Etwa 3000 Menschen fanden Platz. Die große Orgel baute 1731/1732 Joachim Wagner, mit 42 klingenden Registern und, einer Militärkirche entsprechend, einem Spielwerk aus posaunenblasenden und paukenschlagenden Engeln mit Helmen, sich drehenden Sonnen, einem Glockenspiel und einem flügelschlagenden Adler. Johann Sebastian Bach spielte hier 1747. Nun die zweite Geschichte. In diesem Haus waren Friedrich Wilhelm I. und sein Sohn Friedrich II. bestattet. Der Vater hatte sich die Kanzel 1735 durch das Königliche Monument ersetzen lassen, einen Kanzelaltar mit dahinterliegender Gruft für sich und seine Frau, bekrönt vom Wahlspruch Non soli cedit, er weicht nicht der Sonne. Die ersten frei gewählten Stadtverordneten Potsdams tagten hier. Lutheraner und Reformierte vereinigten sich hier zur Union. Und mit dem sogenannten Tag von Potsdam 1933 wurde das Gotteshaus von den Nationalsozialisten für ihre Propaganda vereinnahmt. Der alte hölzerne Feldaltar diente bei der Mobilisierung zum Ersten Weltkrieg und im NS-Regime als Altar bei militärischen Massenaufmärschen im Lustgarten. Zugleich gehörten Henning von Tresckow, Helmuth James von Moltke und weitere Beteiligte am Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 dieser Kirchengemeinde an. Dasselbe Haus, dieselben Jahre. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Kirche 1945 durch einen britischen Luftangriff in der sogenannten Nacht von Potsdam schwer beschädigt und brannte aus. Die Regierung der DDR ließ die gesicherte Ruine 1968 sprengen und errichtete auf einem Teil des Grundstücks das Rechenzentrum Potsdam. 2004 traten Anhänger eines Wiederaufbaus mit dem Ruf aus Potsdam an die Öffentlichkeit. 2017 begann die kontrovers debattierte Rekonstruktion des Turms, als offene Stadtkirche und internationales Versöhnungszentrum. Am Ostermontag 2024 wurde die Nagelkreuzkapelle eröffnet, im August 2024 eine Ausstellung zur Geschichte des Ortes und die Aussichtsplattform in 57 Metern Höhe. Der erhaltene alte Feldaltar steht seit 2024 in der Kapelle. Kritiker meinen, dieser Altar gehöre stattdessen ins Museum. Sie sehen: Der Streit ist nicht beendet, er ist eingebaut.

Kurzfassung

Sie stehen am Turm der Garnisonkirche in der historischen Mitte Potsdams. Die Kirche wurde 1730 bis 1735 für Friedrich Wilhelm I. nach Plänen von Philipp Gerlach erbaut. Mit fast 90 Metern war ihr Turm das höchste Bauwerk der Stadt. 1945 brannte sie aus, 1968 wurde die Ruine gesprengt.

Für Kinder

Dieser Turm gehört zu einer Kirche, die es nicht mehr gibt. Sie wurde vor fast 300 Jahren gebaut, und ihr Turm war mit 88 Metern das höchste Haus der Stadt. Es war eine Kirche für Soldaten. In der Orgel steckten Engel, die Posaune blasen und Pauken schlagen konnten, dazu ein Adler, der mit den Flügeln schlug. Im Jahr 1747 hat hier Johann Sebastian Bach gespielt. Am Ende des Krieges brannte die Kirche, später wurde die Ruine weggesprengt. Vor ein paar Jahren hat man den Turm neu gebaut. Darüber wird heute noch gestritten.

Quellen

Koordinaten: 52.3958, 13.0536 · auf der Karte

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