Stadtohr

Stadtrundgang Potsdam · Station 10 von 16

Großes Militärwaisenhaus

1724 · waisenhaus, barock, kinderarbeit, stiftung

Ausführlich

Sie stehen vor dem Großen Militärwaisenhaus, wahrscheinlich Potsdams größtem geschlossenen barocken Gebäudeensemble. Schauen Sie zuerst nach oben, denn dort steht das Wort, um das es geht. Auf dem Mittelrisalit sitzt ein 26 Meter hoher Rundtempel, errichtet ab 1771 nach Plänen von Carl von Gontard. Auf seiner Kuppel steht eine vergoldete Figur der Caritas, der Barmherzigkeit, mit Ölzweig und brennendem Herz in den Händen. Sie ist 3,75 Meter hoch und steht auf einem 46 Meter hohen Tempelturm. Friedrich Wilhelm I. hatte 1713 und 1720 die Franckeschen Stiftungen in Halle an der Saale besucht. Er gründete am 1. November 1724 die Stiftung Großes Militär-Waisenhaus zu Potsdam und ließ von 1722 bis 1724 nach dem Hallenser Vorbild einen Fachwerkbau errichten. Kinder zwischen 6 und 16 Jahren sollten im Christentum, Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichtet werden und danach einen Beruf erlernen. Anfangs nur für Jungen gedacht, nahm das Haus ab 1725 auch Mädchen auf, insgesamt 600 Kinder. Und jetzt die andere Hälfte. Das Waisenhaus war Eigentümer der größten staatlichen Tuch- und Zeugmanufaktur, des Berliner Lagerhauses, und eines Bergwerks in Bad Freienwalde. Die Kinder wurden an Tuchmanufakturen und Gewehrfabriken vermietet, wo sie bis zu zehn Stunden täglich arbeiteten. Etwa 200 von ihnen starben pro Jahr durch die hohe Arbeitsbelastung. Zweihundert im Jahr. Zu Beginn der Schlesischen Kriege 1740 gab es 1400 männliche und 155 weibliche Zöglinge. Beides steht in einer Quelle, die Fürsorge und die Toten, und beides gehört zu diesem Gebäude. Der Weiterbau: Steigende Kinderzahlen erforderten Anbauten, Friedrich II. ließ das Waisenhaus 1771 bis 1778 von Gontard neu errichten, viergeschossig im preußischen Spätbarock. Einen Kirchenraum gab es im Neubau nicht, die Gottesdienste fanden in der Garnisonkirche statt, an deren Turm wir vorbeigekommen sind. 1933/1934 wurde das Haus zur Nationalpolitischen Erziehungsanstalt umgewidmet und 1937/1938 der Wehrmacht unterstellt. Am 14. April 1945 zerstörte ein Luftangriff Teile des Komplexes, am 26. April 1945 geriet die Kuppel des Rundtempels durch sowjetischen Artilleriebeschuss in Brand und ging mit der Caritas verloren. Am 1. April 1952 löste die Regierung des Landes Brandenburg die Stiftung auf und enteignete sie entschädigungslos. 1992 wurde dieser Beschluss aufgehoben, sodass die Stiftung formalrechtlich seit 1724 ununterbrochen besteht. Heute fördert sie Projekte zur Jugendarbeit. Die Figur, die Sie oben sehen, ist neu. Sie war auf vielen Fotos nur unscharf zu erkennen und stellte den Bildhauer Andreas Hoferick vor eine große Herausforderung. 2004 war die Restaurierung beendet, die Kosten von 4,2 Millionen Euro trugen die Stiftung, die Stadt, das Land, die Bevölkerung und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz.

Kurzfassung

Sie stehen vor dem Großen Militärwaisenhaus, Potsdams größtem geschlossenen Barockensemble. Es war eine Stiftung Friedrich Wilhelms I. vom 1. November 1724 für Soldatenkinder und Militärwaisen. Auf dem Haupthaus sitzt ein Rundtempel mit der goldenen Figur der Caritas.

Für Kinder

Schau nach oben. Ganz oben auf dem Dach steht ein kleiner runder Tempel, und darauf eine goldene Frau. Sie ist 3,75 Meter groß und hält ein brennendes Herz in der Hand. Sie heißt Caritas, das bedeutet Barmherzigkeit. In diesem Haus lebten Kinder, deren Väter Soldaten waren und nicht mehr nach Hause kamen. Sie lernten lesen und rechnen, mussten aber auch in Fabriken arbeiten, bis zu zehn Stunden am Tag. Die goldene Figur ist nicht die alte. Die alte verbrannte 1945. Ein Bildhauer hat sie nach alten Fotos neu gebaut.

Quellen

Koordinaten: 52.396325, 13.051589 · auf der Karte

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