Stadtohr

Stadtrundgang Münster · Station 4 von 16

St. Aegidii

1800 · kirche, barock, schlaun, kanzel

Ausführlich

Sie stehen vor der Aegidiikirche, und diese Kirche ist zweimal etwas anderes geworden, als sie sein sollte. Zuerst die Daten. Die Kapuziner ließen sich 1611 in Münster nieder und bauten ab dem 30. September 1619 an dieser Stelle ein Kloster und eine kleine Kirche, geweiht der heiligen Maria und Anna. 1721 beauftragte Fürstbischof Clemens August I. von Bayern den Münsteraner Landbaumeister Gottfried Laurenz Pictorius mit der Umbauplanung. Der Klosterbau entstand nach dessen Plänen, der Kirchenbau selbst ging an Johann Conrad Schlaun über, auf Initiative von Ferdinand von Plettenberg, dem Erbmarschall des Hochstifts Münster, der den Bau auch bezahlte. Offensichtlich sollte dies das Hauskloster der Plettenbergs werden; ihr Stadtpalais, der Nordkirchener Hof, lag in unmittelbarer Nähe. Die Bauarbeiten begannen 1724, die Weihe war am 5. Dezember 1725, der östliche Klosterflügel wurde 1732 fertig. Zu den Jahreszahlen ein Hinweis: Wikidata nennt für dieses Gebäude 1800, eine Quelle datiert den Bau auf 1724 bis 1728. Ich nenne Ihnen die ältere Angabe und sage dazu, dass es zwei gibt. Nun der erste Bruch, und er war radikal. Am 2. Dezember 1811 wurde das Kapuzinerkloster aufgelöst. Französische Beamte konfiszierten Kassen, Archiv und Wertgegenstände, die Gebäude samt Kirche wurden militärisch genutzt, und die gesamte barocke Ausstattung wurde versteigert. Die Konventsgebäude riss man 1828 ab. Als die Pfarrei St. Aegidii diese Kirche vom Fiskus übereignet bekam, als Ersatz für ihr eingestürztes Gotteshaus, war sie ohne jegliche Einrichtung. Stellen Sie sich das vor: eine Gemeinde zieht in eine leere Kirche. Aus der alten Pfarrkirche brachte sie zwei Beichtstühle mit, dazu den Renaissance-Taufstein von 1557 und die kleine St.-Josefs-Glocke von 1690, die heute im Dachreiter hängt. Eine noch recht gute gebrauchte Orgel kam aus Kinderhaus. Der Innenraum war geweißelt. Und dann kam ein Stück zurück. Die Kanzel aus Holz, das einzige originale Ausstattungsstück der Schlaunschen Kirche, gehört wieder dazu, weil der Ersteigerer sie der Gemeinde schenkte. Schauen Sie sie an, wenn Sie hineinkommen: Laienbruder Stephan hat sie nach Entwürfen Schlauns geschnitzt, sie zeigt die Übergabe der Ordensregel an den heiligen Franziskus unter einem verästelten Eichenbaum, der den Kanzelkorb umfasst, und der Schalldeckel ist als ein von Engeln gehaltenes Tuch ausgearbeitet. Es ist das bedeutendste barocke Ausstattungsstück, das in den Münsteraner Pfarrkirchen verblieben ist. 1860 wurde nach Plänen von Hilger Hertel dem Älteren die Sakristei angefügt, um die Abbruchspuren der Klostergebäude zu verdecken. Von 1858 bis 1860 erhielt die Kirche durch Edward von Steinle und Dominik Mosler eine einheitliche Ausstattung im Nazarenerstil. Im Krieg kaum beschädigt, wurden die Deckengemälde danach größtenteils übermalt und zum Pfarrjubiläum 1983 wieder freigelegt.

Kurzfassung

Sie stehen vor St. Aegidii, meist Aegidiikirche genannt. Gebaut wurde sie als Kapuzinerkirche, nach Plänen von Johann Conrad Schlaun; die Arbeiten begannen 1724, die Weihe war am 5. Dezember 1725. Nach dem Abriss der alten Aegidii-Pfarrkirche übernahm sie deren Aufgabe und deren Patrozinium. Die Bombardierungen des Zweiten Weltkriegs hat sie fast unbeschädigt überstanden.

Für Kinder

Diese Kirche wurde vor 300 Jahren für Mönche gebaut. Sie hießen Kapuziner. Dann kam ein schlimmer Tag: Im Jahr 1811 wurde das Kloster aufgelöst. Fremde Beamte nahmen alles mit, und was drinnen stand, wurde verkauft, Stück für Stück. Danach bekam eine Gemeinde die Kirche, weil ihre eigene eingestürzt war. Sie zog in ein völlig leeres Haus ein. Aber eine Sache kam zurück: die Kanzel aus Holz, von der aus gepredigt wird. Der Mann, der sie gekauft hatte, schenkte sie der Gemeinde. Schau sie dir an. In das Holz ist ein Baum geschnitzt, und über dem Kopf des Predigers halten Engel ein Tuch.

Quellen

Koordinaten: 51.9595, 7.624 · auf der Karte

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