Bleiben wir bei dieser Türmerwohnung, denn sie erklärt, wie eine mittelalterliche Stadt funktionierte. Mainz war hölzern. Ein Feuer, einmal entstanden, konnte die halbe Stadt kosten. Deshalb saß im Turm von St. Quintin ein Mensch und schaute. Noch bis ins 20. Jahrhundert diente diese Wohnung als Brandwache der Stadt. Und nun die Gegenprobe, wie wenig das half. 1348 erlitt der gerade fertige Bau schwere Schäden. Während eines Pestpogroms wurde im nahen Judenviertel Feuer gelegt, es griff auf die Kirche über, zerstörte die Fenster des Langhauses und schmolz die Stadtglocke im Turm ein. Ein Satz dazu, weil er zu dieser Stadt gehört: Mainz hatte als Magenza eine große jüdische Gemeinde und war eines der religiösen Zentren des aschkenasischen Judentums in Europa. Gemeinsam mit Speyer und Worms wurde Mainz am 27. Juli 2021 als eine der SchUM-Städte in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen. Die Schäden von 1348 konnten erst ab 1425 behoben werden. Dabei entstand der Kapellenanbau südlich des Chores. Danach wurde dieses Haus immer wieder zweckentfremdet. Im Dreißigjährigen Krieg diente es als Kaserne der schwedischen Truppen, zeitweise fanden hier evangelische Gottesdienste statt. 1721 wurde die Kirche vollständig barockisiert. 1813, nach der Völkerschlacht bei Leipzig, war sie wieder Kaserne, diesmal für französische Truppen. Dass sie überhaupt noch steht, ist einem Mann zu verdanken: Stadtbaumeister Eduard Kreyßig rettete sie vor dem drohenden Abbruch wegen Baufälligkeit. Von 1869 bis 1888 wurde sie grundlegend renoviert und neugotisch ausgestattet. Von dieser Phase sind nur die Chorschranken an den Seiten des Kirchenschiffs erhalten. 1942 trafen die Luftangriffe die Kirche schwer, die Mauern blieben stehen, die wertvolle Armreliquie des heiligen Quintin verbrannte mit anderen Ausstattungsstücken. Ein Notdach kam noch während des Krieges auf, 1948 konnte die Kirche wieder genutzt werden, zunächst für die französische Garnison. Eine neue Quintinsreliquie wird seit dem 4. November 1950 verehrt, vermittelt vom Bischof von Soissons. 1970 erhielt der Bau anhand originaler Befunde seine mittelalterliche Farbgebung zurück. Der Turm blieb noch ein Vierteljahrhundert unter dem Notdach. Erst 1995 wurde der in originalgetreuer Handarbeit rekonstruierte Renaissance-Turmhelm aufgesetzt. Schauen Sie zuletzt auf die Westwand. Die Bebauung dort ist aus mittelalterlichen Krambuden hervorgegangen, also aus Verkaufsständen, die man an die Kirche gebaut hat.
Sie stehen vor St. Quintin, der Pfarrkirche der ältesten nachgewiesenen Pfarrei der Stadt. Urkundlich erwähnt wurde sie erstmals 774. Der heutige Bau wurde um 1288 begonnen und um 1330 im gotischen Stil vollendet. Heute bildet St. Quintin mit der Domgemeinde eine Pfarrei.
Siehst du oben am Turm die Fenster mit den grünen Läden? Dahinter ist eine Wohnung. Darin hat ein Türmer gelebt, und seine Aufgabe war: schauen. Mainz war damals fast ganz aus Holz gebaut. Brach irgendwo ein Feuer aus, musste er Alarm schlagen und sagen, wo es brennt. Von da oben sah er fast die ganze Stadt. Diese Brandwache gab es bis ins zwanzigste Jahrhundert. Immer geholfen hat sie nicht. 1348 brannte es hier so stark, dass die große Stadtglocke im Turm schmolz. Möchtest du in einem Kirchturm wohnen?
Koordinaten: 50.000867, 8.272247 · auf der Karte