Stadtohr

Stadtrundgang Leipzig · Station 8 von 16

Nikolaikirche

1513 · kirche, friedliche revolution, klassizismus

Ausführlich

Sie stehen vor der Nikolaikirche. Treten Sie ein, wenn sie offen ist, und schauen Sie nach oben, auf die Pfeiler. Sie werden rosafarbene Säulen sehen, aus deren Kapitellen hellgrüne Palmblätter sprießen. Das ist keine Gotik und keine Natur, das ist eine Theorie. Zuerst das Haus. Die Kirche wurde ab 1165 erbaut, in dem Jahr, in dem Leipzig Stadt- und Marktrecht erhielt. Den achteckigen Mittelturm errichtete 1555 Hieronymus Lotter über dem romanischen Westwerk, mit Paul Speck und anderen; dieselben Männer, die ein Jahr später das Rathaus umbauten. Zwischen 1730 und 1734 setzte Johann Michael Senckeisen Türmerwohnung, Dach und Laterne obendrauf, womit der Turm fünfundsiebzig Meter erreichte. Bis 1932 wohnte dort oben ein Türmer. Nun die Säulen. Zwischen 1784 und 1797 baute Johann Carl Friedrich Dauthe den Innenraum um, zum dritten Mal begegnen wir ihm heute. Er folgte dabei dem Ideal der Urhütte und den Schriften des Architekturtheoretikers Marc-Antoine Laugier. Also arbeitete Dauthe die gotischen Pfeiler ab und legte einen Stuckmantel darüber, bis sie kannelierte Säulen von rötlichem Ton waren. Aus den Palmenkapitellen sprießen hellgrüne Blätter, und die kaschieren genau die Stelle, an der die gotischen Kreuzgewölbe ansetzen. Alles ist auf einen Dreiklang abgestellt: Weiß, Rosa, Hellgrün. Ein steinerner Wald, über eine Gotik gelegt, die man nicht mehr mochte. Johann Sebastian Bach hat in diesem Raum zahlreiche Kantaten und Oratorien erstmals aufgeführt, mit dem Thomanerchor. Darunter die Johannespassion, sein bis dahin umfangreichstes Werk, am Karfreitag, dem 7. April 1724. Und nun das, weswegen die Welt diesen Namen kennt. Die Montagsdemonstrationen, die zum Zusammenbruch der DDR führten, entwickelten sich aus den Montagsgebeten, die hier bereits Anfang der 1980er Jahre stattfanden. Halten Sie sich an diesen Satz aus einer Quelle: Sie wurden anfänglich nur von einigen wenigen Menschen besucht. Einige wenige. In den späten Novembertagen 1982 wurde in dieser Kirche zum ersten Mal in der DDR öffentlich eine große Schautafel mit dem Symbol Schwerter zu Pflugscharen aufgestellt. 1982 stellte man außerdem neben den Hauptaltar ein einfaches Holzkreuz auf einen Metallständer, für das erste Friedensgebet. Es ist kein Kunstwerk. Es war ein Anfang. Ende der 1980er Jahre gingen allwöchentlich Zehntausende auf die Leipziger Straßen, manchmal über einhunderttausend Menschen. Sie forderten Demokratie, freie Wahlen, Reisefreiheit und die Einheit Deutschlands. Von einigen wenigen zu einhunderttausend. Zur Jahresangabe: Wikidata nennt 1513, der Wikipedia-Quelle nennt den Baubeginn ab 1165. Ich nenne Ihnen die ältere Angabe und sage dazu, dass es zwei gibt. Wohin die Menschen von hier aus gingen, sehen Sie in zwei Stationen.

Kurzfassung

Sie stehen vor der Nikolaikirche, der ältesten und größten Kirche der Leipziger Innenstadt. Erbaut wurde sie ab 1165, nach der Verleihung des Stadt- und Marktrechts. Im Herbst 1989 war sie der zentrale Ausgangspunkt der friedlichen Revolution in der DDR. Ihr klassizistischer Innenraum gilt als bedeutende Schöpfung dieser Zeit.

Für Kinder

Du stehst vor der Nikolaikirche. Geh hinein und schau nach oben. Die Säulen sind rosa, und oben wachsen grüne Blätter heraus, wie an einer Palme. Vor rund vierzig Jahren trafen sich hier montags Menschen zum Beten. Am Anfang waren es nur ein paar. Sie wollten, dass sich das Land verändert und dass man frei reisen darf. Jeden Montag kamen mehr. Am Ende waren es über einhunderttausend Menschen auf den Straßen von Leipzig, und niemand hat dabei zugeschlagen. Kurz danach gab es die DDR nicht mehr.

Quellen

Koordinaten: 51.340264, 12.378564 · auf der Karte

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