Sie stehen am Museum für Völkerkunde zu Leipzig, untergebracht im Grassimuseum, vor dem wir eben standen. Über zweihunderttausend Objekte, eine der größten ethnographischen Sammlungen Deutschlands. Und die wichtigste Frage an diesem Haus ist nicht, was hier liegt, sondern wie es hierher kam. Der Anfang war ein Zeitungsaufruf. Die Gründungsurkunde datiert auf 1869, und zeitgleich erschien in der Leipziger Zeitung die Bitte, sich am Erwerb der kulturhistorischen Sammlung des Dresdner Hofrates und Oberbibliothekars Gustav Friedrich Klemm zu beteiligen. Im Jahr darauf wurde sie tatsächlich angekauft und zunächst im Gebäude eines ehemaligen chemischen Laboratoriums untergebracht. 1874 war die offizielle Eröffnung, im ehemaligen Johannishospital, also genau dort, wo wir eben über den Friedhof gegangen sind. 1895 zog die Sammlung in das erste Grassimuseum am Königsplatz. 1904 übernahm die Stadt die Verwaltung, 1907 wurde Karl Weule Direktor. 1927 zog das Museum in dieses Haus. Dann die bekannten Daten. 1943 wurde das Gebäude bei Luftangriffen schwer getroffen, etwa dreißigtausend Objekte wurden vernichtet. Ab 1947 Wiederaufbau, 1954 die ersten Dauerausstellungen. Und jetzt zu der Frage. Schauen Sie sich an, woher die Bestände kommen. Den Kern der Ozeaniensammlung bilden rund zwanzigtausend Objekte aus den ehemaligen deutschen Südseeschutzgebieten in Melanesien. Schutzgebiete, so hieß das damals. Es waren Kolonien. Dazu über zwanzigtausend Objekte aus China, etwa neuntausend aus Japan, etwa zweitausend aus Korea, rund elftausend aus Südostasien. Aus Australien Sammlungen von der Ostküste Queenslands und aus Zentralaustralien, von Tasmanien eine umfassende Sammlung von Steinartefakten. Aus Sri Lanka über einhundert Masken einer Volkstheatertradition, dem Kolam. Aus Nordasien ein komplettes Schamanenkostüm der Ewenken. Und dann die Kamerun-Sammlung, die zweitgrößte in Deutschland. Hier nennt eine Quelle präzise Zahlen: Von siebentausendvierhundertzweiunddreißig historischen Inventarnummern gehören fünftausendeinhundertneunzig zum aktuellen Bestand. Das Museum plant die Rückgabe von Objekten aus Kamerun, die in der Kolonialzeit geraubt wurden. Die damalige Direktorin Léontine Meijer-van Mensch betonte dabei die Bedeutung der Zusammenarbeit mit den Herkunftsgemeinschaften und der fortlaufenden Forschung, um den Rückgabeprozess zu gestalten. Seit 2021 läuft ein Programm mit dem Titel Reinventing Grassi, das eine Neuausrichtung des Museums erreichen soll. Seit dem 1. Oktober 2025 leitet Lars-Christian Koch die Völkerkundemuseen in Leipzig, Dresden und Herrnhut. Was ein Museum mit einer solchen Sammlung tun soll, ist hier eine offene Frage, und sie wird in diesem Haus gerade beantwortet.
Sie stehen am Grassi Museum für Völkerkunde zu Leipzig. Die Gründungsurkunde datiert auf das Jahr 1869. Mit über zweihunderttausend Objekten hat es eine der größten ethnographischen Sammlungen Deutschlands. Es gehört zu den Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsens und ist seit 1927 in diesem Haus.
In diesem Haus ist auch ein Museum für Völkerkunde. Hier liegen über zweihunderttausend Dinge aus aller Welt: Masken aus Sri Lanka, Werkzeuge aus Afrika und von Inseln im Pazifik. Manche Dinge wurden vor über hundert Jahren einfach mitgenommen, aus Ländern, die Deutschland damals beherrschte. Das Museum sagt heute selbst: Ein Teil davon war geraubt. Darum sollen Sachen aus Kamerun zurückgegeben werden, gemeinsam mit den Menschen, denen sie gehören. Wem gehört deiner Meinung nach ein Ding, das vor langer Zeit mitgenommen wurde?
Koordinaten: 51.3369, 12.3886 · auf der Karte