Sie stehen auf dem Alten Johannisfriedhof. Gehen Sie langsam und schauen Sie auf die Grabsteine. Es gibt hier eine Unterscheidung, die Sie kennen sollten, denn sie ist ungewöhnlich ehrlich: Bei manchen Gräbern ist der Stein vorhanden, aber er markiert nicht mehr das Grab. Er steht woanders. Bei anderen ist das Grab gar nicht erhalten. Was Sie sehen, ist nicht dasselbe wie das, was hier liegt. Zur Geschichte. Entstanden ist dieser Friedhof 1278, auf dem Grundstück des Johannishospitals, eines Hospitals für Leprakranke. Zuerst wurden vor allem die verstorbenen Leprakranken bestattet. 1476 wurde er vergrößert, weil auf Weisung des Kurfürsten nun auch Leipziger ohne Bürgerrecht hier beerdigt werden sollten. Also erst die Kranken, dann die Rechtlosen. Erst 1536 bestimmte Herzog Georg diesen Ort zur allgemeinen Begräbnisstätte der Stadt. Nun die Zahlen, und nehmen Sie sich dafür einen Moment. Etwa zweihundertachtzigtausend Verstorbene liegen hier. Allein zwischen 1484 und 1834 sind zweihundertsiebenundfünfzigtausendzweihundertfünfundsiebzig Beerdigungen belegt. Es waren nicht nur Deutsche: Eine Quelle nennt Schweizer, Franzosen, Russen, Italiener, Engländer, Schotten und Amerikaner. Eine Messestadt begräbt auch ihre Gäste. Drei Mal war dieser Friedhof Kriegsschauplatz. Im Dreißigjährigen Krieg verschanzten sich schwedische Truppen auf ihm und zerstörten ihn zum Teil. Im September 1813, als die Lazarette in der Stadt nicht mehr ausreichten, wurde das Gelände zum Lagerplatz für Gefangene und Verwundete. Und jetzt kommt ein Satz, der schwer zu verdauen ist: Die Soldaten lebten in den Gruften und benutzten das Holz der Särge als Feuerholz. Bezeugt hat das der Totengräber Johann Daniel Ahlemann. In der vierten Abteilung liegen bis heute nicht markierte Massengräber mit Opfern des Siebenjährigen Krieges und der Völkerschlacht. 1883 wurden die erste und die zweite Abteilung planiert und zur Grünanlage umgestaltet. Nur ein einziges Grab blieb unangetastet, das von Christian Fürchtegott Gellert. Hier liegen Leute, denen wir heute begegnet sind. Franz Dominic Grassi, dessen Geld das Museum hinter uns gebaut hat. Adam Friedrich Oeser, der die Gemälde für Dauthes Umbau der Nikolaikirche malte und das Deckengemälde im ersten Gewandhaus. Carl Traugott Queisser, Posaunist und Bratschist des Gewandhausorchesters. Johann Sebastian Bach lag hier von 1750 bis 1894. Und dann wurde dem Friedhof die Fläche weggenommen. 1925 bis 1929 baute man das Grassimuseum auf ein Areal, das den Großteil der ersten und die gesamte zweite Abteilung umfasste, dazu das Grundstück des alten Hospitals. Viele Grabmale verloren dabei ihren ursprünglichen Standort; von den Grufthäusern, die in den 1920er Jahren noch reichlich vorhanden waren, ist nur die Gruft der Familie Baumgärtner erhalten.
Sie stehen auf dem Alten Johannisfriedhof, dem ältesten Friedhof Leipzigs. Entstanden ist er 1278 auf dem Grundstück des Johannishospitals, eines Hospitals für Leprakranke. Etwa zweihundertachtzigtausend Verstorbene wurden hier bestattet. Seit 1995 ist er als museale Parkanlage wieder zugänglich und steht unter Denkmalschutz.
Du stehst auf dem ältesten Friedhof von Leipzig. Hier liegen etwa zweihundertachtzigtausend Menschen begraben, mehr als heute in manchen Großstädten wohnen. Am Anfang war das ein Friedhof für Kranke, die niemand in der Stadt haben wollte. Johann Sebastian Bach lag hier über hundert Jahre lang. Pass bei den Grabsteinen auf: Manche stehen nicht mehr dort, wo das Grab ist. Sie wurden später verschoben, weil Straßen und Häuser gebaut wurden. Der Stein sagt also nicht immer die Wahrheit über den Ort.
Koordinaten: 51.337, 12.3895 · auf der Karte