Sie stehen auf dem Augustusplatz, und jetzt lösen wir ein Versprechen vom Anfang ein. Drehen Sie sich einmal langsam im Kreis. Vierzigtausend Quadratmeter, knapp vier Hektar. Jahrhundertelang lag das hier draußen, zwischen Stadtmauer und Vorstadt, und blieb unbebaut, weil man im Kriegsfall ein freies Schussfeld brauchte. 1784 beauftragte Bürgermeister Carl Wilhelm Müller den Baudirektor Johann Carl Friedrich Dauthe mit der Gestaltung. Sie kennen ihn inzwischen. Dauthe legte zwei Rasenrondelle an, eingefasst von einem Kreis aus Pappeln. Und mit dem Material der abgetragenen Schanzen ließ er an der Nordseite einen etwa fünfundzwanzig Meter hohen Hügel aufschütten. Weil die Aufstiegswege spiralförmig liefen, nannten ihn die Leipziger Schneckenberg. Er wurde Aussichtspunkt und Rodelberg, und am 24. April 1813 entwarf Theodor Körner dort oben sein Gedicht Lützows wilde Jagd. Ab 1864 wurde der Berg für den Bau des Neuen Theaters abgetragen. Es gibt ihn nicht mehr. Das ist überhaupt das Thema dieses Platzes: was fehlt. Bis zum Zweiten Weltkrieg standen hier das Neue Postgebäude von 1838, das Bildermuseum von 1858 und das Neue Theater von 1868, dazu das Augusteum und die Universitätskirche. Zusammen galt das als einer der schönsten Plätze Deutschlands. Die Luftangriffe zerstörten einen Teil. Den Rest hat man gesprengt. Die Ruine des Bildermuseums fiel 1962. Augusteum und Universitätskirche, letztere unbeschädigt durch den Krieg gekommen, wurden 1968 gesprengt, auf Betreiben der Universität und nach Beschluss der SED-geführten Stadtverwaltung. Was Sie heute sehen, ist entsprechend jung. Die älteste Sehenswürdigkeit auf dem Platz ist der Mendebrunnen von 1886 vor dem Gewandhaus. Dann, der Reihe nach: das Krochhochhaus aus der Weimarer Republik, dreiundvierzig Meter zwanzig hoch, das erste Hochhaus der Stadt. Das Europahaus aus den späten 1920er Jahren, zu dem wir am Ende gehen. Das City-Hochhaus von 1972, das höchste der Stadt. Das Opernhaus von 1960, das Gewandhaus von 1981. Und der Name. Seit 1839 heißt der Platz nach Friedrich August dem Ersten, dem ersten Herrscher des Königreichs Sachsen. In der NS-Zeit diente der Platz als Aufmarschforum und als Standort von Propagandaausstellungen. Ab 1944 lagen hier Berge aus Trümmern der Innenstadt, die mit einer eigenen Trümmerbahn abtransportiert wurden. 1945 wurde der Platz dann doch Karl-Marx-Platz; zum Datum nennt der Stadtchronist Horst Riedel den Herbst 1945, neuere Quellen den 1. August. Am 3. Oktober 1990 bekam er seinen alten Namen zurück. Und 1989 war dieser Platz der zentrale Versammlungsort der Montagsdemonstrationen. Von der Nikolaikirche, wo wir vorhin standen, sind es wenige Minuten. Hierher kamen die Zehntausende. Auf diese Fläche, die einmal ein Schussfeld war.
Sie stehen auf dem Augustusplatz, mit vierzigtausend Quadratmetern einem der größten Stadtplätze Deutschlands. Benannt ist er seit 1839 nach Friedrich August dem Ersten, dem ersten König von Sachsen. Von 1945 bis Oktober 1990 hieß er Karl-Marx-Platz. 1989 war er der zentrale Versammlungsort der Montagsdemonstrationen.
Du stehst auf dem Augustusplatz. Früher war hier absichtlich nichts gebaut: Vor der Stadtmauer musste freies Feld sein, damit man Angreifer kommen sah. Später riss man die Mauern ab, und aus dem Schutt schüttete ein Baumeister einen Hügel auf. Weil der Weg nach oben sich im Kreis drehte, nannten ihn alle Schneckenberg. Kinder sind dort im Winter Schlitten gefahren. 1989 kamen auf diesen Platz Zehntausende Menschen, um friedlich für ihre Freiheit zu demonstrieren. Wie viele Menschen passen hier wohl hin?
Koordinaten: 51.3392, 12.3808 · auf der Karte