Sie stehen vor dem Alten Rathaus, an der Ostseite des Marktes. Gehen Sie mit dem Blick die Fassade ab, von rechts nach links, und zählen Sie die kleinen Giebel auf dem Dach. Sechs sind es auf dieser Seite, sieben auf der Rückseite zum Naschmarkt. Und wenn Sie zwischen dem ersten und dem zweiten Giebel von rechts genau hinsehen: Da hat die Fassade einen Knick von etwa drei Grad. Der ist kein Fehler, er ist eine Quittung. Das Rathaus steht auf den Fundamenten mehrerer älterer Häuser, und die standen nicht in einer Linie. Denn dieses Haus ist zusammengewachsen. 1341 übereignete Markgraf Friedrich II. von Meißen den Leipziger Tuchmachern ein Gebäude südlich des Marktes. 1360 wird ein Leipziger Rathaus erstmals urkundlich erwähnt. Dann wuchs die Stadt, der Rat bekam mehr Aufgaben, und man fügte nach Norden Neubauten an. Mitte des 15. Jahrhunderts kamen zwei weitere Häuser dazu. 1467 war eine neue Ratsstube fertig, 1476 wird erstmals ein Treppenturm erwähnt, 1483 legte man eine Geheimkammer an, eine Art Zwischengeschoss, das heute als Schatzkammer zu besichtigen ist. 1556 und 1557 ließ Hieronymus Lotter, regierender Bürgermeister und Großkaufmann, aus diesem Gewächs ein Gebäude machen. Erster Obermeister war Paul Speck, dem wohl auch der Entwurf zuzuschreiben ist; nach seinem Tod Anfang 1557 übernahm Paul Widemann. Und nun die Zahl, an der man diese Stadt erkennt: Der Rohbau entstand von März bis November 1556. Acht Monate für dreiundneunzig Meter Fassade. Das Haus musste zwischen zwei Messen fertig werden, weil der Markt während der Messe gebraucht wurde. Die Inschrift, die unter dem Dachgeschoss rings um das Haus läuft, hebt diese kurze Bauzeit ausdrücklich hervor und preist Gott dafür. Aufgemalt wurde sie 1672, Anfang des 20. Jahrhunderts ersetzte man die Buchstaben durch Messing. Schauen Sie auf das Hauptportal. Zwei ionische Säulen, und darauf zwei Köpfe, die über die Straße schauen. Man nennt sie Gaffköpfe, und sie sollen die Baumeister darstellen. Das Haus verwendet nur zwei Farben: den warmen Ton des Rochlitzer Porphyrs und dazu passend einen Beige- oder Ockerton im Putz. Im Inneren hängt das einzige authentische Porträt Johann Sebastian Bachs, gemalt von Elias Gottlob Haussmann. Bach hat 1723 in der Ratsstube dieses Hauses seine Anstellungsurkunde als Thomaskantor unterschrieben. Von dieser Unterschrift werden wir heute noch an drei weiteren Stationen etwas hören. Am 4. Dezember 1943 traf ein schwerer Luftangriff das Gebäude, der Dachstuhl brannte vollständig aus. Dass die historischen Räume im ersten Obergeschoss überlebten, lag an einer eisengestützten Betondecke, die man beim Umbau Anfang des 20. Jahrhunderts eingezogen hatte. Sie hielt das Feuer oben. Merken Sie sich dieses Datum. Es kommt heute wieder.
Sie stehen vor dem Alten Rathaus an der Ostseite des Marktes. Seine heutige Gestalt bekam es 1556 und 1557 unter Bürgermeister Hieronymus Lotter. Es gilt als einer der bedeutendsten deutschen Profanbauten der Renaissance. Seit 1905 arbeitet die Stadtverwaltung im Neuen Rathaus. Hier ist heute das Stadtgeschichtliche Museum.
Du stehst vor dem Alten Rathaus. Das Haus ist dreiundneunzig Meter lang, aber nur zwei Stockwerke hoch. Vor fast fünfhundert Jahren wurde es umgebaut, und zwar in großer Eile: In nur acht Monaten stand der ganze Bau. Warum so schnell? Weil zweimal im Jahr die große Messe auf dem Marktplatz war. Schau dir das große Tor an. Über den Säulen sind zwei Köpfe aus Stein. Die sollen die Baumeister sein, die hier gearbeitet haben. Würdest du dein Gesicht an ein Haus hängen, das du gebaut hast?
Koordinaten: 51.3403, 12.3754 · auf der Karte