Stadtohr

Stadtrundgang Köln · Station 5 von 16

Groß St. Martin

um 1150 · romanik, benediktiner, archaeologie, quellenkritik

Ausführlich

Sie stehen vor Groß St. Martin. Das Gelände unter Ihnen gehörte zu einer Rheininsel, die dem römischen Köln vorgelagert war, östlich des Prätoriums. Ausgrabungen in den Jahren 1965 und 1966 sowie zwischen 1973 und 1979 haben gezeigt, dass es seit dem ersten Jahrhundert bebaut war. Und die erste Bebauung ist ein Rätsel. Es war eine ummauerte Platzanlage von mindestens 76 Metern Länge und 71,5 Metern Breite. In ihrem Inneren lag eine leicht vertiefte Fläche von 55,7 mal 43,8 Metern und ein Wasserbecken von 34 mal 17,2 Metern, 1,7 Meter tief. Nördlich der Alpen ist bisher keine vergleichbare Anlage bekannt, und über ihre Nutzung ist nichts überliefert. Die große Fläche wird als Sportplatz gedeutet, das Becken als Schwimmbad oder als Lagerbecken für Fische und Muscheln der Rheinfischer. Eine andere Theorie spricht von einem heiligen Bezirk. In der Mitte des zweiten Jahrhunderts wurde das Gelände um eineinhalb bis zwei Meter aufgeschüttet, und es entstanden vier dreischiffige Hallen. Ihre Lage direkt am Rheinufer und ihre Form deuten auf Lagerhallen für Handelsgüter. Auf diesen Fundamenten steht die Kirche. Jetzt zur Gründung, und hier wird es lehrreich. Für eine Gründung von St. Martin vor dem 10. Jahrhundert gibt es keine Zeitzeugnisse. Es gab aber eine Chronik, angeblich aus dem 13. oder 14. Jahrhundert, die bis zum Ende des 19. Jahrhunderts als Quelle galt. Sie wusste alles ganz genau: Ein Schotte namens Tilmon habe 690 eine Kapelle erbaut, die 708 in ein Kloster umgewandelt worden sei. Sie dokumentierte lückenlos die Namen der Äbte seit frühester Zeit. Sie berichtete von einer Zerstörung durch die Sachsen im Jahr 778, während Karl der Große auf der Iberischen Halbinsel kämpfte, vom Wiederaufbau durch einen Paladin Karls auf eigene Kosten, von zwei Altären, die Papst Leo III. 805 geweiht habe, und von Zerstörungen durch die Normannen 846 und 882. Im Jahr 1900 wurde diese ganze Chronik als Fälschung entlarvt. Angefertigt hatte sie 1730 ein Benediktinermönch dieses Klosters. Was bleibt, ist weniger und sicherer. Als gesichert gilt die Gründung durch den Kölner Erzbischof Brun, der von 953 bis 965 regierte, als Chorherrenstift zu Ehren von Martin von Tours. Brun führte die Kirche in seinem Testament auf und schenkte ihr zu Lebzeiten Reliquien des heiligen Eliphius, der zweiter Patron wurde. Erzbischof Everger wandelte das Stift 989 durch Schenkungen in ein Schottenkloster um, bewohnt von irischen Benediktinern. Im 11. Jahrhundert wurden sie nach und nach durch einheimische Mönche ersetzt. Der letzte iro-schottische Abt starb 1103. Zum Namen: Das Wort Groß unterscheidet diese Basilika von der deutlich kleineren und möglicherweise älteren Marktkirche Klein St. Martin, von der nur der Turm erhalten ist. Zum Schluss der Krieg. Luftangriffe 1942 und 1943 zerstörten große Teile des Langhauses und der Gewölbe. Der Turm war 1965 rekonstruiert, die übrigen Arbeiten dauerten bis 1985. Vierzig Jahre nach Kriegsende wurde die Kirche neu geweiht. Seit 2009 wird sie von einer Gemeinschaft betreut und ist wieder Klosterkirche. In der neu geschaffenen Krypta können Sie die römischen Ausgrabungen besichtigen, über die ich eben gesprochen habe.

Kurzfassung

Sie stehen vor Groß St. Martin, einer der zwölf großen romanischen Kirchen Kölns. Gebaut wurde sie ab etwa 1150 auf den Fundamenten eines römischen Speicherbaus und einer Vorgängerkirche. Bis 1802 war sie Abteikirche der Benediktiner. Der Wiederaufbau nach dem Krieg endete 1985.

Für Kinder

Du stehst vor Groß St. Martin. Der Turm mit den vier kleinen Ecktürmen ist von weitem zu erkennen. Die Kirche wurde ab etwa 1150 gebaut, aber nicht auf freiem Feld. Unter ihr liegen die Mauern von römischen Lagerhallen. Noch tiefer fanden Forscher einen gemauerten Platz mit einem großen Wasserbecken, 34 Meter lang. Niemand weiß genau, wozu es diente. War es ein Schwimmbad? Ein Sportplatz mit Becken? Oder ein Behälter, in dem Fischer ihre Fische frisch hielten? Du darfst raten, die Forscher wissen es auch nicht. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Kirche von Bomben schwer getroffen. Erst 1985, vierzig Jahre später, war sie wieder fertig.

Quellen

Koordinaten: 50.938492, 6.961839 · auf der Karte

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