Sie stehen vor der Leinstraße 32, schräg gegenüber dem Leineschloss, in dem der Niedersächsische Landtag tagt. Und jetzt machen Sie etwas, das heute mehrmals nötig sein wird: Sehen Sie das Haus in zwei Schichten. Der Baukörper ist aus den 1950er Jahren. Die Rahmung der Eingangstür und der verzierte Sandsteingiebel sind vierhundert Jahre älter und stehen unter Denkmalschutz. Diese Reste gehören zu einem Haus im Stil der Weserrenaissance. Die Inschrift am Giebel nennt als Baudatum Anno Domini 1583. Eine Quelle nennt an einer Stelle 1583, an einer anderen 1593 als das Jahr, in dem Gevert Stech das in Teilen erhaltene Haus errichten ließ. Ich nenne Ihnen die ältere Angabe und sage dazu, dass es zwei gibt. Der Bau wird dem Petershagener Meister Friedrich Meersmann zugeschrieben, und es war möglicherweise das erste Wohnhaus Hannovers mit einer steinernen Renaissancefassade. Was dieses Haus wirklich besonders macht, sind seine Bewohner. Im Dreißigjährigen Krieg gehörte es dem Junker Ernst Wrampe; im Lapidarium des Historischen Museums hat sich ein Fragment mit seinem Wappen und seinem Namen erhalten, datiert 1638. In diesem Jahr ließ Herzog Georg von Braunschweig-Calenberg auf der anderen Straßenseite gerade sein Leineschloss errichten. 1691 wohnte hier der Oberforst- und Jägermeister Otto Friedrich von Moltke. Im selben Jahr war er in eine Verschwörung des späteren Kurfürsten Ernst August verwickelt und wurde deshalb 1692 hingerichtet. Und dann kommt eine Lebensgeschichte, die quer durch Europa führt. 1687 wurde auf der griechischen Halbinsel Peloponnes ein Osmane namens Mustapha gefangen genommen, ein sogenannter Beutetürke. Nach seiner Taufe in der hannoverschen Soldatenkirche hieß er Ernst August Mustapha von Misitri. Er wurde Kammerdiener von Kurfürst Georg Ludwig. Und als dieser Georg Ludwig 1714 in Großbritannien als Georg I. den Thron bestieg, folgte Mustapha seinem Landesherrn nach London. Nach seiner Rückkehr nach Hannover erwarb er 1738 dieses Haus an der Leinstraße, für fünftausend Thaler. Vom Kriegsgefangenen zum Hausbesitzer in der besten Lage der Residenzstadt, mit einem Umweg über den englischen Hof. 1792 gründete Heinrich Wilhelm Hahn der Ältere hier die spätere Königlich Hannoversche Hof-Buchhandlung mit angeschlossenem Verlag der Gebrüder Hahn, und die Leinstraße 32 war deren Stammsitz. 1943 wurde das Gebäude durch Fliegerbomben größtenteils zerstört. In der Nachkriegszeit entstand der Neubau Leinstraße 31 und 32, und in dessen Fassade setzte man die Reste des Weserrenaissance-Baus ein. Was Sie hier also sehen, ist keine Rekonstruktion und kein Original, sondern beides nebeneinander, sichtbar getrennt. Schauen Sie noch einmal auf die Grenze zwischen dem alten Sandstein und dem Putz der 1950er Jahre. Diese Naht ist die eigentliche Sehenswürdigkeit.
Sie stehen vor der Leinstraße 32, schräg gegenüber dem Leineschloss, in dem der Niedersächsische Landtag tagt. Das Haus selbst ist ein Bau der 1950er Jahre. In seiner Fassade stecken denkmalgeschützte Teile des Vorgängerbaus im Stil der Weserrenaissance: die Rahmung der Eingangstür und ein verzierter Sandsteingiebel.
Es sieht aus wie ein normales Bürohaus, und das ist es auch: gebaut in den 1950er Jahren. Aber die Tür und der Giebel aus hellem Sandstein sind viel älter. Sie stammen von einem Haus, das hier vor über vierhundert Jahren stand. Im Krieg wurde das alte Haus von Bomben zerstört. In diesem Haus wohnte einmal ein Mann mit einem erstaunlichen Leben: Mustapha wurde in einem Krieg gefangen genommen, kam nach Hannover, arbeitete für den Kurfürsten und zog mit ihm nach London, als der dort König wurde. Später kehrte er zurück und kaufte dieses Haus.
Koordinaten: 52.371027, 9.7320676 · auf der Karte