Stadtohr

Stadtrundgang Göttingen · Station 9 von 16

Universitätsreitstall

· universität, reiten, abriss

Ausführlich

Diese Station ist eine Lücke. Hier, am Nordwestende der Weender Straße, stand bis 1968 der Universitätsreitstall. Warum eine Universität mit einem Reitstall anfängt, erklärt der hannoversche Minister Gerlach Adolph von Münchhausen, erster Kurator der Neugründung. Er plante Göttingen ausdrücklich als Reichen-Universität. Zielgruppe waren adlige Studenten, nach Möglichkeit mit eigenem Gefolge, und diese zahlten beim Reiten die doppelte Gebühr. Dazu brauchte es nicht nur angesehene Gelehrte, sondern auch die damals modischen Übungen: Tanzen, Reiten, Fechten, Jagd. Selbst das fachgerechte Tranchieren von Wild wurde gelehrt. Also entstand 1734 bis 1736 als erster fertiger Neubau der Universität ein barockes Reithaus, entworfen von Universitätsbaumeister Joseph Schädeler. Bruchsteinwände, hohes Walmdach, innen eine stützenfreie Halle von fünfzehn Meter zehn auf vierundvierzig Meter zwanzig. Am Mittelrisalit ein großes Rundbogenportal mit Dreiecksgiebel, darin das englische Königswappen, darunter eine Tafel, die die Fürsorge Georgs II. für seine Universität rühmt, mit der Jahreszahl 1735. Rechtwinklig dahinter ein Stallflügel mit achtzehn Boxen, Räumen für Stallmeister und Knechte, und eine von einer hohen Mauer eingefriedete Reitbahn von etwa vierundsechzig auf vierundvierzig Metern, die bis an den Leinekanal reichte. Das Haus war mehr als ein Stall. Reiten wurde in Göttingen zum vollwertigen Studiengang, man konnte sich als stud. art. equestris immatrikulieren, und die Reitlehrer hielten auch Vorlesungen über Veterinärmedizin. Zu Zeiten des Stallmeisters Johann Heinrich Ayrer, der von 1760 bis 1817 im Amt war, hatten sich fünf Prozent der Studentenschaft für die Reitkunst eingeschrieben. Ayrer hielt die ersten pferdemedizinischen Vorlesungen Europas, und daraus wurde das Tierärztliche Institut der Universität. Goethe besuchte 1801 Göttingen und musste unbedingt den Stallmeister begrüßen. Dann kippte die Mode. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts trat die Dressur hinter die Jagdreiterei zurück, und mit dem Eisenbahnanschluss von 1854 hielten weniger Studenten Pferde in der Stadt. In Notzeiten wurde das Haus ohnehin zweckentfremdet: 1757 Lazarett, 1761 Mehlmagazin, von 1917 bis 1920 Verkaufsstelle für Kartoffeln, ab 1940 Göttinger Hauptsammelstelle für Metallspenden. Das Ende war Verwaltung. Mehr als zwei Jahrzehnte fehlende Bauunterhaltung ließ das Gebäude verfallen, im Mai 1965 stellte die Universität den Reitbetrieb aus Sicherheitsgründen ein. Der Studienrat und Heimatforscher Wolfgang Gresky hatte die Baugeschichte erforscht, 1961 veröffentlicht und vor dem Abriss gewarnt. 1966 kaufte die Stadt das Grundstück mit dem seit 1931 denkmalgeschützten Gebäude. 1968 wurde abgerissen.

Kurzfassung

Sie stehen am Nordwestende der Weender Straße. Hier stand der Universitätsreitstall, 1734 bis 1736 erbaut und der erste fertiggestellte Neubau der Universität. Im Inneren lag eine stützenfreie Reithalle von fünfzehn auf vierundvierzig Metern. 1968 wurde das Gebäude abgerissen.

Für Kinder

Hier stand früher ein Reitstall, der zur Universität gehörte. Das klingt komisch, war aber Absicht. Als die Universität 1734 gegründet wurde, wollte man reiche Studenten anlocken, und die sollten reiten, tanzen und fechten lernen. Das Reithaus war das erste fertige Gebäude der ganzen Universität. Man konnte Reiten sogar studieren. Später kam die Eisenbahn, und immer weniger Studenten hatten ein Pferd. Das Haus verfiel, und 1968 wurde es abgerissen. Deshalb kannst du hier nichts mehr sehen. Welches Fach würdest du gern studieren?

Quellen

Koordinaten: 51.5365, 9.93435 · auf der Karte

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