Stadtohr

Stadtrundgang Göttingen · Station 8 von 16

Evangelisch-reformierte Kirche Göttingen

1752 · kirche, reformierte, barock

Ausführlich

Sie stehen vor der Evangelisch-reformierten Kirche in der Unteren Karspüle. Von außen ist es ein ruhiger spätbarocker Kasten: ein kubischer Saalbau als Querkirche, zwanzig Meter breit, dreizehn Meter fünfzig tief, sechzehn Meter bis zum First, mit Putzfassaden und kräftigen Kantenlisenen aus Sandsteinquadern. Entworfen hat das Universitätsbaumeister Johann Michael Müller, und es blieb sein Hauptwerk. Nun das Innere, denn hier wird die Theologie zur Bauaufgabe. Die reformierte Lehre nimmt das biblische Bilderverbot streng. Die Kirche ist deshalb nicht heiliger Ort, sondern Ort der Predigt und der Versammlung, und der Pastor hat keine besondere Stellung gegenüber den anderen Gläubigen. Entsprechend ist der Raum vor allem weiß, rund zweihundertvier Quadratmeter groß, acht Meter hoch, ohne Kreuz und ohne Heiligenbilder. Gegenüber dem Eingang dominiert die Kanzel, von korinthischen Säulen gerahmt, über einem einfachen Tischaltar. Auf ihrem Schalldeckel ruht, erhoben auf Sockel und Kissen, die aufgerichtete Bibel mit der Aufschrift Evangelium. Das ist das Bildprogramm: das Buch. Entscheidend ist der Grundriß. In den Rechtecksaal ist ein Oktogon eingeschrieben. Auf achteckigem Grundriss steigen fünf Sitzbankreihen und eine umlaufende Priechengalerie so auf, dass sich alle Gemeindeglieder gegenseitig sehen können. Oben wird der Zentralbaugedanke durch ein in das Spiegelgewölbe eingesetztes achteckiges Klostergewölbe betont. Wer hier sitzt, schaut nicht nur nach vorn, sondern auch auf die anderen. Und jetzt die Gemeinde. Göttingen war schon 1529 lutherisch. Mit dem Zustrom hugenottischer Glaubensflüchtlinge aus Frankreich entstanden auch in lutherischen Ländern reformierte Gemeinden. In Göttingen wurden Zusammenkünfte zunächst nur in Privathäusern geduldet. 1748 kam es zur Gründung der Gemeinde, auf Betreiben des Schweizers Albrecht von Haller, damals Professor für Medizin, dessen Garten Sie gerade gesehen haben. 1752 hatte die Gründungsgemeinde siebenundsiebzig Mitglieder. 1853, hundert Jahre nach der Einweihung, waren es einhundertachtunddreißig Haushalte, 1902 wurden über zweitausend Reformierte gezählt, im Mai 2023 meldete die Gemeinde zweitausendeinhundert Mitglieder im ganzen Stadtgebiet. 2011 stimmte die Gemeinde in einer Urabstimmung für den Beitritt zur Evangelisch-reformierten Kirche mit Sitz in Leer, zum 1. Januar 2013 wurde er wirksam. Ein dunkler Punkt gehört dazu. In der Zeit des Nationalsozialismus ließ die Gemeinde über der Kirchentür den biblischen Gottesnamen Jahwe überstreichen, der in hebräischen Buchstaben in einem Dreieck zu lesen war, um eine Verwechslung mit der nahegelegenen Synagoge zu vermeiden. Straßenfront und Dach wurden im Zweiten Weltkrieg durch eine Luftmine schwer beschädigt. Der Schriftzug ist danach rekonstruiert worden.

Kurzfassung

Sie stehen vor der Evangelisch-reformierten Kirche in der Unteren Karspüle, im Norden der Altstadt. Der Grundstein wurde am 10. Mai 1752 gelegt, der erste Gottesdienst am 11. November 1753 gefeiert. Die Gemeinde hat heute rund zweitausend Mitglieder.

Für Kinder

Vor dir steht eine Kirche, die von außen fast wie ein großer Kasten aussieht. Gebaut wurde sie ab 1752. Innen ist sie fast ganz weiß: kein Kreuz, keine Bilder von Heiligen. Das ist Absicht. Die Leute, die hier beten, nehmen ein Gebot aus der Bibel sehr genau, das sagt: Mach dir kein Bild. Das Wichtigste im Raum ist ein Buch. Über der Kanzel liegt eine aufgeschlagene Bibel. Die Bänke stehen im Achteck, so dass alle sich gegenseitig sehen und niemand wichtiger ist als die anderen. Würdest du gern so sitzen?

Quellen

Koordinaten: 51.5368, 9.9355 · auf der Karte

Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende, ODbL. Routing: Valhalla auf OSM-Daten. Objektdaten: Wikidata (CC0). Fotos: Wikimedia Commons, Urheber und Lizenz je Bild.