Stadtohr

Stadtrundgang Göttingen · Station 5 von 16

Studentenkarzer

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Ausführlich

Bleiben Sie am Wilhelmsplatz stehen und schauen Sie zur Aula. Im Westflügel saß die akademische Gerichtsbarkeit, und dort liegt der Studentenkarzer. Die Universität hatte eine eigene Gerichtsbarkeit, und ihr unterstanden alle Angehörigen. Mit dem Karzer wurden Haftstrafen üblich, bis zu vierzehn Tage. Strafbar waren Beleidigung, öffentliche Trunkenheit, nächtliches Lärmen, Faulheit und zu schnelles Reiten in der Stadt. Der Karzer zog dreimal um. Die ersten vier Zellen lagen im Papendiek, zwischen der Paulinerkirche und dem 1737 fertiggestellten Kollegienhaus. Als die Studentenzahlen stiegen, verlegte man ihn 1764 in das Concilienhaus in der Prinzenstraße 1, wo vorher der Theologe Christoph August Heumann gewohnt hatte. Dort gab es drei Zellen, daneben Räume für das akademische Gericht, das dienstags und freitags tagte. In den 1820er Jahren war ein Pedell namens Brühbach für den Betrieb zuständig, von dem Heinrich Heine in seiner Harzreise berichtet. Respekt genoss er offenbar nicht: Die Studenten nannten den Karzer Hotel de Brühbach, später, als ein Gräfe das Amt übernahm, Hotel de Gräfe. Einer der Insassen war Otto von Bismarck, später Reichskanzler. Vorgeworfen wurden ihm unter anderem die Teilnahme an verbotenen Duellen und öffentliches Tabakrauchen. Achtzehn Tage musste er verbüßen, drei davon durfte er an seinem späteren Studienort Berlin absitzen. Die Tür, in die er sich einritzte, ist im Bismarckhäuschen zu sehen, eine zweite Tür dieses Karzers steht heute im Karzer im Aulagebäude. Damit sind wir bei der Pointe. Als die Aula 1837 eröffnet wurde, bekam der Karzer hier zwölf Zellen in zwei Stockwerken, weil die alten nicht mehr reichten. Doch das Absitzen war inzwischen ein Jux. Eine Haft gehörte zum guten Ton, man war stolz darauf, und viele Insassen verewigten sich mit Namen, Konterfei und den Zeichen ihrer Verbindung an den Wänden. Dazu kam die Karzerfahrt: Die Verurteilten wurden teils in schwere Ketten gelegt, als Sträflinge verkleidet und durch die Stadt geführt, gefolgt von einem Brauereiwagen mit einem großen Fass Bier und einer Bierorgel. Vor der Aula hielt man Reden und geleitete sie feierlich in den Arrest. 1877 wurde die akademische Gerichtsbarkeit abgeschafft, doch Preußen erließ 1879 ein Gesetz, das bis zu zwei Wochen Karzerhaft weiterhin vorsah. Ab 1900 wurden nur noch vier Zellen genutzt. Im August 1914 überraschte der Kriegsausbruch einen kanadischen Studenten, der als feindlicher Ausländer in ein Internierungslager sollte. Der Prorektor nahm ihn kurzerhand in Karzerhaft, zwei Monate später durfte er ausreisen. Genutzt wurde der Karzer bis 1933, am Ende im Wesentlichen nur noch ein Zimmer. Genau dieses blieb im Originalzustand, mit Bett und Kopfstütze, Tisch, Stuhl, Bänkchen, Ofen sowie Abort- und Waschschale.

Kurzfassung

Hier, in der Aula am Wilhelmsplatz, liegt der Studentenkarzer. Bis 1933 war er das Gefängnis für Studenten der Universität. Haftstrafen konnten bis zu vierzehn Tage dauern. Bestraft wurden Beleidigung, Trunkenheit, nächtliches Lärmen, Faulheit und zu schnelles Reiten in der Stadt.

Für Kinder

In diesem Haus gibt es ein Gefängnis für Studenten. Es heißt Karzer. Früher hatte die Universität ihr eigenes Gericht und durfte Studenten einsperren, bis zu vierzehn Tage lang. Bestraft wurde, wer nachts laut war, faul war oder zu schnell durch die Stadt ritt. Sie waren stolz darauf und malten ihre Namen und Bilder an die Zellenwände. Manche wurden sogar mit Ketten und einem Bierwagen durch die Stadt geführt, wie bei einem Umzug. Auch Otto von Bismarck saß hier, achtzehn Tage. Würdest du dich mit achtzehn Tagen Zimmerarrest brüsten?

Quellen

Koordinaten: 51.5341, 9.93796 · auf der Karte

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