Sie stehen am Gänseliesel, und damit an der Stelle, an der sich diese Stadt verabredet. Die Vorgeschichte: Auf dem Marktplatz stand schon vor 1901 ein Brunnen, gelobt als der größte und schönste der Stadt. Ein rundes Becken von neunundzwanzig Fuß Durchmesser, also etwa acht Meter vierzig, 1568 von einem Meister Leonhard Hügel angelegt, in der Mitte ein steinerner Pfeiler mit Wappenlöwen, von dem sich das Wasser über acht Pfeifen ins Becken ergoss. Nach dreihundertdreißig Jahren schrieb der Magistrat unter Bürgermeister Georg Calsow 1898 einen öffentlichen Wettbewerb aus. Vierzig Künstler und Architekten reichten sechsundvierzig Entwürfe ein, unter ihnen Ernst Barlach. Den ersten Preis bekam ein neogotischer Entwurf aus Frankfurt. Dann kam die Bevölkerung zu Wort und kritisierte ihn. Entscheidend war aber, dass der Juryvorsitzende, der Berliner Bildhauer Ferdinand Hartzer, bei der Sitzung gefehlt hatte. Er setzte sich für den zweiten Platz ein, den Entwurf des Architekten Heinrich Stöckhardt mit dem Bildhauer Paul Nisse unter dem Titel Gänsemädel. Seine Argumente überzeugten, und der zweite Platz wurde gebaut. Wie genau man damals plante, zeigt die Modellprobe. Man stellte eine ganz roh aus Holz und Leinen gefertigte Nachbildung des Brunnens in natürlicher Größe auf dem Platz auf, um den Standort zu finden. Der beste lag mitten vor dem Rathaus. Aufgestellt wurde im Juni 1901, fertig war es im November. Eine offizielle Einweihung fand nie statt. Das Tageblatt notierte spitz, der mächtige Rathaus-Koloß im Hintergrund lasse die Figur recht winzig erscheinen. Die Göttinger entschieden anders. Jetzt der Brauch. Nach ihrer Immatrikulation bestiegen Studenten den Brunnen, um die Figur zu küssen. Weil das laut zuging, verbot eine Verordnung vom 31. März 1926 das Erklettern und das Küssen. Die Studenten hielten sich nicht daran, und so kam es 1926 zum Kussprozess: Ein Jurastudent wurde auf frischer Tat ertappt und musste zehn Reichsmark zahlen. Er klagte und forderte Kussfreiheit, hatte aber weder vor dem Amtsgericht Göttingen noch vor dem Berliner Kammergericht Erfolg. Das Verbot gilt offiziell weiter und wird kaum beachtet. Deshalb heißt das Gänseliesel bei den Göttingern das meistgeküsste Mädchen der Welt. Heute küssen es nicht mehr die Erstsemester, sondern die Doktoranden nach bestandener Prüfung, und sie überreichen einen Blumenstrauß. Zum hundertjährigen Jubiläum hob der Rat das Kussverbot 2001 für einen Tag auf. Was Sie sehen, ist übrigens eine Kopie. Die originale Figur steht seit 1990 im Foyer des Städtischen Museums, witterungsgeschützt und ungeküsst. Und es gibt ein zweites Original: Nisse goss 1900 und 1901 heimlich aus derselben Form eine zweite Figur, die nach Leipzig verkauft und in einem Villengarten aufgestellt wurde.
Sie stehen auf dem Markt vor dem Gänseliesel-Brunnen. Errichtet wurde er 1901, und er gilt als Wahrzeichen der Stadt. Man trifft sich in Göttingen am Gänseliesel. Wer hier promoviert, küsst die Figur und bringt ihr Blumen, obwohl das Klettern seit 1926 verboten ist.
Das ist das Gänseliesel, das Wahrzeichen von Göttingen: ein Brunnen mit einem Mädchen aus Bronze, das zwei Gänse trägt. Hier verabreden sich die Leute. Früher kletterten Studenten hoch und küssten die Figur. Weil das so laut war, wurde es 1926 verboten. Ein Student wurde erwischt und musste zehn Reichsmark zahlen. Er klagte sogar vor Gericht und verlor. Geküsst wird trotzdem, bis heute. Die Figur hier ist nur eine Kopie. Das Original steht im Museum, trocken und ungeküsst. Wem würdest du Blumen bringen?
Koordinaten: 51.532709, 9.935101 · auf der Karte