Stadtohr

Stadtrundgang Erlangen · Station 6 von 16

Sophienkirche

· fassade, ritterakademie, abbruch

Ausführlich

Sie stehen vor einer Fassade ohne Haus. Das klingt wie ein Bild, ist aber wörtlich zu nehmen, und es lohnt sich, dieser Sache nachzugehen. Die Sophienkirche bildete den südlichen Abschluss der Erlanger Ritterakademie. Deren Geschichte beginnt 1676, als Baron Christoph Adam Groß von Trockau in Erlangen das auditorium publicum gründete. 1699 beschloss er die Erweiterung zu einer Ritterakademie für fünfzig Schüler, ein Internat für vierundzwanzig und ein Externat für sechsundzwanzig adlige Zöglinge. 1701 wurde sie mit Genehmigung und Unterstützung des Markgrafen Christian Ernst offiziell gegründet. Die Bauarbeiten für den vier Gebäude umfassenden Komplex hatten schon am 20. März 1700 mit der Grundsteinlegung begonnen. Am südlichen Ende lag die Kirche, benannt nach Sophie Luise von Württemberg, der zweiten Gemahlin des Markgrafen. Geweiht wurde sie am 4. Dezember 1701, zunächst als reine Kollegienkirche. Anfang 1702 erhielt sie eine Orgel. Am 22. Januar 1703 wurde sie zur Pfarrkirche der neu gegründeten evangelisch-lutherischen Gemeinde der Neustadt erhoben und blieb es bis zur Weihe der Neustädter Kirche am 8. Dezember 1737. Dorthin brachte man 1739 auch die Glocke. Die Akademie hielt nicht lange. Im Zuge des Regierungswechsels 1712 und 1713 geriet sie in eine Krise, die der Tod ihres Gründers 1724 beschleunigte. Spätestens 1741, als Markgraf Friedrich das Vermögen der Schule dem Gymnasium Ernestinum in Bayreuth zuwies, war sie Geschichte. Ab 1743 nutzte die neu gegründete Universität die Räume, die Sophienkirche als Ort für akademische Feierlichkeiten und Gottesdienste. Hier lagen Grabstätten, unter anderem die des Barons Groß von Trockau, und bis 1776 die Universitätsgruft, die dann auf den Neustädter Friedhof verlegt wurde. Ab 1745 war in der ehemaligen Ritterakademie auch das Gymnasium Fridericianum untergebracht. In den 1820er Jahren zogen beide Einrichtungen aus. Danach wurde es prosaisch. Man baute Zwischenwände und eine Zwischendecke ein, das Landgericht und später das Amtsgericht nutzten die ehemalige Kirche. Der Turm, in dem zuvor ein Karzer gewesen war, diente dem Gericht als Stadtgefängnis und später der Polizei als Ausnüchterungszelle, bis 1964. In den übrigen Räumen saß lange ein Modehaus. Zwischen 1958 und 1964 wurden die Gebäude zugunsten eines Kaufhof-Neubaus abgerissen, der auf die Bedürfnisse eines modernen Warenhauses zugeschnitten war. Die drei Fassaden blieben stehen und wurden der neuen Kaufhausfassade vorgeblendet. 2002 und 2003 wurde der Warenhausbau selbst durch ein Geschäfts- und Bürogebäude ersetzt, das besser an die historischen Gebäude am Hugenottenplatz angepasst ist. Schauen Sie genau hin. Die Fassade sah schon immer aus wie ein Bürgerhaus der Neustadt. Auf den sakralen Charakter verweisen nur das hochovale Fenster über dem aufwändig gestalteten Korbbogenportal zur Hauptstraße und die Fenster an der Schmalseite zur Friedrichstraße. Der 1706 begonnene Turm ragte kaum über das Erdgeschoss hinaus. Innen war der Raum rund dreiundzwanzig Meter lang und zehneinhalb Meter breit, überspannt von einem kassettierten Muldengewölbe, mit einer Doppelempore für die größtmögliche Besucherzahl.

Kurzfassung

Sie stehen vor der Fassade der ehemaligen Sophienkirche. Sie war die Kirche der Erlanger Ritterakademie und wurde 1701 geweiht. Das Gebäude selbst wurde zwischen 1958 und 1964 abgerissen. Nur die Fassaden blieben erhalten und wurden dem Neubau vorgeblendet.

Für Kinder

Schau genau hin: Diese Wand ist nur noch eine Wand. Das Haus dahinter ist weg. Hier stand früher eine Kirche. Sie gehörte zu einer Schule für adlige Jungen, der Ritterakademie. Später nutzte sie ein Gericht, und im Turm war sogar ein Gefängnis. Zwischen 1958 und 1964 riss man alles ab, weil dort ein großes Kaufhaus gebaut werden sollte. Nur die schönen Außenwände durften bleiben. Man hat sie einfach vor das neue Haus gesetzt, wie eine Maske. Erkennst du, dass die Wand gar nicht wie eine Kirche aussieht? Nur das ovale Fenster über der Tür verrät es.

Quellen

Koordinaten: 49.595455, 11.004839 · auf der Karte

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