Sie stehen vor der Severikirche, und Sie stehen damit im Grenzgebiet. Zwei große Kirchen teilen sich diesen Hügel, und sie haben sich ihn nicht freiwillig geteilt. Zunächst die lange Vorgeschichte. An dieser Stelle stand eine ältere St.-Pauls-Kirche. 708 soll hier ein Benediktinerkloster gegründet worden sein. 836 ließ Erzbischof Otgar von Mainz die Gebeine des heiligen Severus von Ravenna nach Erfurt überführen. Im 9. Jahrhundert hatte die Kirche vermutlich zwei Patrozinien, St. Paul und St. Severus, und entsprechend auch zwei Chöre, einen im Osten und einen im Westen. 1079 oder 1080 wurden bei der Eroberung der Stadt durch Heinrich IV. die Kirchen in Brand gesteckt, mitsamt den Menschen, die sich in sie geflüchtet hatten. Das Hohe Münster, wie man es nannte, wurde abgerissen und kleiner wieder aufgebaut. 1121 erscheint das Kanonikerstift erstmals in einer Urkunde. Ab da war der Platz knapp. Es gab das Severistift, das Marienstift am Dom, ein Nonnenkloster und ab kurz vor 1123 noch eine bischöfliche Residenz, das Krummhaus. Erzbischof Adalbert siedelte 1123 das Nonnenkloster auf den Cyriaksberg um. Jetzt der Konflikt. Zwischen 1358 und 1363 baute St. Severi an der Südseite die Blasiuskapelle. Ihre Strebepfeiler griffen auf das Gelände der Marienkirche über. In den 1370er und 1380er Jahren kam es deswegen mehrfach zu Auseinandersetzungen zwischen den beiden Kapiteln, teilweise handgreiflich. 1387 legte man den Streit gütlich bei: die Kapelle sollte umgebaut werden, und die Grenze zwischen den beiden Kirchen wurde mit Grenzsteinen markiert, auch auf der Kapelle selbst. Das geschah noch vor 1429. Zwei Kirchen auf einem Hügel, und zwischen ihnen Grenzsteine. Nun zum Bau, den Sie vor sich haben. 1238 war ein Neubau geplant, begonnen wurde er in den 1270er Jahren. Die Quellen sagen, die alte Kirche habe gedroht, eine Ruine zu werden. Die Überlieferung ist gut, weil viele Ablässe gewährt wurden und diese über den Baufortschritt berichten. 1308 wurde der Hochaltar geweiht, 1327 soll das Langhaus fertig gewesen sein, 1332 die ganze Kirche weitgehend. Entstanden ist ein fünfschiffiges, vierjochiges Langhaus von fast quadratischer Form, mit Querschiffen im Osten und Westen. Man behielt den romanischen Grundriss bei und fügte nördlich und südlich je ein zweites Seitenschiff an. Dadurch erreichte die Kirche die Breite der Querhäuser, die nun nicht mehr nach außen hervortreten. Eine solche Halle kam eigentlich erst im 15. Jahrhundert in Mode. Hier steht sie hundert Jahre früher. Schauen Sie zuletzt die Dachlinie entlang. Das riesige Walmdach über dem ganzen Schiff stammt von 1472 und 1473, nach dem Stadtbrand vom 19. Juni 1472. Die Knickhelme der Türme sind auf 1494 und 1495 datiert.
Sie stehen vor der Severikirche, direkt neben dem Dom. Der heutige Bau wurde in den 1270er Jahren begonnen. Sie ist eine fünfschiffige Staffelhalle und damit eine der ersten Hallenkirchen Mitteldeutschlands. In einem Sarkophag ruhen die Gebeine des Kirchenpatrons Severus von Ravenna.
Du stehst vor der zweiten Kirche auf diesem Hügel. Sie heißt Severikirche. Dom und Severikirche stehen so nah beieinander, dass man sie zusammen als Wahrzeichen von Erfurt zeigt. Und nun das Erstaunliche: die beiden Kirchen haben sich gestritten. Die Severikirche baute eine kleine Kapelle an die Seite, und deren Stützpfeiler standen schon auf dem Boden der anderen Kirche. Darüber gab es jahrelang Zank. 1387 haben sie sich geeinigt. Weißt du, wie? Sie haben Grenzsteine gesetzt, so wie zwischen zwei Gärten.
Koordinaten: 50.9760855, 11.022415767 · auf der Karte