Sie stehen vor dem Rathaus, und wir schauen auf zwei Nischen. Aber von vorn. Das 1275 erstmals erwähnte Rathaus war vom 13. bis zum 17. Jahrhundert das politische Herzstück der kommunalen Selbstverwaltung, und bis 1706 erreichte der Gebäudekomplex die Ausmaße des heutigen Hauptgebäudes. 1830 begann man mit dem Abriss dieses alten gotischen Rathauses. Als Grund galt nur ein kleinerer Schaden am Dach. 1833 kam Karl Friedrich Schinkel, der preußische Oberbau-Direktor, nach Erfurt und war entsetzt über den Abriss des mittelalterlichen Baus. 1834 entwarf er ein neues Rathaus, unter Einbeziehung des markanten Turms von 1330, in dem über Jahrhunderte die Schätze der Stadt, Geld und Dokumente gelagert worden waren. Der Schinkel-Entwurf wurde nicht berücksichtigt. 1869 begann der Aufbau im Stil der Neugotik unter dem Architekten Theodor Sommer. Gegen die Beseitigung des alten Turms gab es Widerstand in der Bevölkerung. Er fiel trotzdem. 1875 zogen die ersten Dienststellen ein, am 2. Juni 1882 war die offizielle Einweihung. Und nun zu den Nischen. Schauen Sie an die Festsaalfront, beidseits des Rathausbalkons. Dort standen ursprünglich zwei Statuen, als Sinnbilder der Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches: Kaiser Friedrich der Erste, Barbarossa, der Rotbart, und Kaiser Wilhelm der Erste, Barbablanca, der Weißbart. Der Bildhauer Georg Kugel hatte sie aus Kelheimer Kalkstein gefertigt, 2,80 Meter hoch, unter kunstvollen Baldachinen. 1950 wurden sie im Zuge des stalinistischen Bildersturms auf Anordnung des SED-Regimes zerstört. Im Stadtarchiv liegt das Protokoll der Sitzung des Erfurter Stadtrats vom 6. Juni 1950. Darin steht ein Satz, der an Nüchternheit kaum zu überbieten ist: Die Figuren über dem Rathauseingang am Festsaal sind zu entfernen. Unterzeichnet hat auch ein Vertreter des Oberbürgermeisters Georg Boock. Danach blieben die Standorte über Jahrzehnte leer. Im Juni und im November 2017 wurden an ihre Stelle Bronzefiguren gesetzt, als Spende des Rotary-Clubs Erfurt: Bonifatius und Martin Luther. Beide haben einen engen Bezug zur Stadt. Auf Bonifatius geht die erste urkundliche Erwähnung Erfurts als Erphesfurt im Jahr 742 zurück, von der wir am Dom gesprochen haben. Und Luther trat 1505 in das Erfurter Augustinerkloster ein und lebte dort bis 1511 als Mönch. Rechnen Sie mit: zwei Kaiser von 1882 bis 1950, dann achtundsechzig Jahre lang nichts, dann ein Missionar und ein Reformator. Dieselben zwei Nischen, drei Deutungen der eigenen Geschichte. Im Festsaal lag bis 1920 das Goldene Buch der Stadt, 1900 von den Berliner Hofgoldschmieden Sy und Wagner zum Erfurt-Besuch Kaiser Wilhelms des Zweiten geschaffen. 1945 wurde es von der Roten Armee als Trophäe nach Moskau gebracht und kehrte nie zurück. Ersetzt wurde es durch Gästebücher in rotem Einband.
Sie stehen vor dem Erfurter Rathaus am Fischmarkt. Es wurde von 1869 bis 1882 nach Entwürfen des Architekten Theodor Sommer im Stil der Neugotik erbaut. Ein Rathaus an dieser Stelle ist bereits 1275 erwähnt. Die offizielle Einweihung des heutigen Hauses war am 2. Juni 1882.
Du stehst vor dem Rathaus von Erfurt. Es sieht sehr alt aus, ist aber jünger, als du denkst: gebaut von 1869 bis 1882. Vorher stand hier ein echtes mittelalterliches Rathaus. Das hat man 1830 abgerissen, obwohl nur das Dach ein kleines Loch hatte. Jetzt such die beiden Figuren links und rechts über dem Balkon. Dort haben schon drei verschiedene Dinge gestanden. Zuerst zwei Kaiser aus Stein. Die wurden 1950 auf Befehl der Regierung abgeschlagen. Dann waren die Plätze fast siebzig Jahre leer. Erst 2017 kamen zwei Figuren aus Bronze hinein.
Koordinaten: 50.9778, 11.0292 · auf der Karte