Sie stehen vor der Alten Synagoge, und dieses Haus stellt eine unbequeme Frage: Wie überlebt ein Gebäude? Zuerst das Alter. Das älteste noch erhaltene Teil ist ein Stück der Westmauer. Eine Holzanalyse datiert es auf etwa 1094. Ein weiteres Stück dieser Mauer stammt aus einer zweiten Bauphase im 12. Jahrhundert. Der Großteil dessen, was Sie sehen, entstand um 1270, bei einem Umbau zu einer repräsentativen Synagoge. In derselben Zeit entstand die Prager Altneu-Synagoge. Um 1300 wurde noch einmal umgebaut, aufgestockt und nach Norden erweitert. Mit über neunhundert Jahren ist dies die älteste erhaltene Synagoge Europas. 1349 fand hier das Pogrom zur Zeit der Pest statt. Die Juden der Stadt wurden ermordet. Es ist dasselbe Jahr, dasselbe Ereignis, von dem wir an der vorigen Station gesprochen haben: der Mann, der seine 28 Kilogramm Silber einen Steinwurf von hier vergrub, kam nicht zurück. Und das Haus? Das Haus wurde Lagerhaus. Ab 1350 setzten zahlreiche Umbauten ein. Man zog Zwischendecken ein, baute ein neues Dach auf, unterkellerte das Gebäude und schlug Tordurchfahrten in die Nord- und die Ostfassade, damit Fuhrwerke hineinkonnten. Fast fünfhundert Jahre lang war dies ein Speicher. Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Gebäude Teil der Gaststätte Zur Feuerkugel und zu einem Tanzsaal umgebaut. Im Keller entstand später eine Kegelbahn. Und nun der Satz, an dem diese Station hängt. Durch die häufigen Umbauten war die Synagoge nicht mehr als Synagoge zu erkennen, und sie war historisch auch nicht mehr als solche bekannt. Deshalb überstand sie die Zeit des Nationalsozialismus unbeschadet. Das Vergessen hat dieses Haus gerettet. Was in Deutschland 1938 brannte, war das, was man als Synagoge kannte. Dieses Gebäude kannte niemand mehr. Es ist eine Rettung, über die man sich nicht freuen kann. Beinahe wäre es dann doch noch verloren gegangen, und zwar sehr spät. 1992 ergaben Bauuntersuchungen, dass das Gebäude von besonderem kulturhistorischem Wert ist. Kurz zuvor aber hatte die Treuhandliegenschaftsgesellschaft es bereits an einen Investor verkauft, der es wieder gastronomisch nutzen wollte. 1998 kaufte die Stadt Erfurt die Alte Synagoge. Es ist dasselbe Jahr, in dem der Schatz gefunden wurde. Seitdem wurde saniert, und seit dem 27. Oktober 2009 ist das Haus ein Museum. Es zeigt vor allem mittelalterliche Sachzeugnisse zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Erfurts, und im Kellergewölbe liegt der Schatz. Im September 2023 wurde er, zusammen mit der Mikwe, als Stätte Jüdisch-Mittelalterliches Erbe in Erfurt in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen. Vom Keller bis zur Welterbeliste, und dazwischen fünfhundert Jahre Lagerhaus.
Sie stehen im Innenhof des Häuserblocks zwischen Fischmarkt, Michaelisstraße und Waagegasse, vor der Alten Synagoge. Das älteste erhaltene Stück ihrer Westmauer entstand um 1094. Damit ist sie die älteste erhaltene Synagoge Europas. Seit 2009 ist sie Museum, seit 2023 Welterbe der UNESCO.
Vor dir steht das älteste Haus in Europa, in dem jüdische Menschen gebetet haben. Ein Stück seiner Mauer ist von etwa 1094. Jetzt kommt das Seltsame: dieses Haus hat überlebt, weil alle es vergessen haben. 1349 wurden die jüdischen Erfurter verfolgt und getötet. Danach benutzte man ihr Gebetshaus als Lagerhalle. Man schlug Tore in die Wände, damit Fuhrwerke hineinfahren konnten. Später wurde ein Tanzsaal daraus. Fast fünfhundert Jahre wusste niemand, was dieses Haus einmal war. Erst 1992 fand man es heraus. Heute ist es ein Museum.
Koordinaten: 50.9786, 11.0293 · auf der Karte