Stadtohr

Stadtrundgang Tübingen · Station 9 von 16

Stadtfriedhof Tübingen

1829 · friedhof, denkmalschutz, hölderlin, universität

Ausführlich

Sie stehen am Stadtfriedhof. Er ist einer von elf städtischen Friedhöfen Tübingens, etwa drei Hektar groß, und er ist klein für das, was auf ihm steht: Grabmäler für 170 Professoren und 112 Pfarrer. Das macht ihn zu einem der bemerkenswertesten Friedhöfe Deutschlands. Angelegt wurde er 1829 auf den damaligen Spitaläckern im Käsenbachtal, weil der Gottesacker der Tübinger Bürger an der Ammer zu klein wurde. Von dem alten Friedhof ist nur ein Stück Umfassungsmauer im Alten Botanischen Garten erhalten, zu dem wir gleich kommen. Die alten Grabsteine an der Kapelle hier stammen von dort. Das heißt: Der älteste Grabstein auf diesem Friedhof ist älter als der Friedhof. Als ältester erhaltener Grabstein gilt der des 1793 gestorbenen Superintendenten Ernst Bengel an der Südmauer der Kapelle. Die Vorstellungen für die Anlage hatte der Oberamtsarzt Gotthold Immanuel Jakob Uhland, ein Onkel des Dichters Ludwig Uhland. Der Friedhof sollte in gebührendem Abstand zur Stadt liegen, mit regelmäßigen Grabfeldern, Bäumen und wohlriechenden Sträuchern. Die Wirklichkeit brauchte Zeit. Die geplante Kapelle konnte erst 1894 eingeweiht werden, und noch 1843 glich das Musterprojekt eher einem schwäbischen Nutzgarten oder einer Streuobstwiese: Obstbäume und Futterwiesen, die gegen geringe Pacht Aufsehern und Totengräbern zur Verfügung standen. Erst ein Verschönerungsverein machte aus dem Gottesacker den parkartigen Friedhof, den Sie sehen. Am 30. November 1829 wurde als erste Person ein Schmied namens Jakob Engelfried bestattet. Beim einfachen Volk hieß der Friedhof seitdem Engelfriedshof. Sein Grab ist nicht mehr erhalten. Das älteste erhaltene Grab ist das des Kaufmanns und Konditors Jacob Conrad Schweickhardt von 1830. Dann wuchs die Anlage in Buchstaben. 1849 kamen nach Osten die Grabfelder S, T, X und Z dazu, 1872 nach Norden L und Q, 1920 nach Westen U, V und W. Das Gräberfeld X war von 1849 bis 1963 Bestattungsplatz des anatomischen Instituts der Universität, heute ist dort eine Gedenkstätte. Die ganze Anlage steht unter Denkmalschutz: Einfriedung, Tore, Wegenetz, Grabfelder, Kriegerdenkmale, die Gedenkstätte Gräberfeld X und die Kapelle. 1950 eröffnete der Bergfriedhof auf dem Galgenberg und wurde Hauptfriedhof, 1968 wurde hier für Neubelegungen geschlossen. Danach wurde geplant, eine Stadtautobahn zu bauen, später, den Friedhof in einen Park umzuwandeln. Im Mai 2000 beschloss der Gemeinderat die Wiedereröffnung im Rahmen eines Denkmalschutzkonzepts. Seit 2002 können die 3100 Grabstellen über Grabpatenschaften neu belegt werden. Wen Sie hier finden, ist eine Liste der Stadt: Kurt Georg Kiesinger, Ministerpräsident von Baden-Württemberg und Bundeskanzler. Walter und Inge Jens. Der Kunsthistoriker Georg Dehio. Johann Gottlieb Friedrich von Bohnenberger, Astronom, Mathematiker und Geodät, gestorben 1831 in Tübingen; den Namen Bohnenberger haben Sie am Schloss gehört. Julius Gös, Oberbürgermeister, dessen Sammlung heute das Stadtmuseum trägt. Auch der Neutestamentler Gerhard Kittel liegt hier, den eine Quelle als aktiven Antisemiten nennt, und Karl Borromäus Adam, der sich für eine Vereinbarkeit von Katholizismus und Nationalsozialismus aussprach. Ein Friedhof sortiert nicht. Ein Grab zum Schluss, und bitte schauen Sie genau hin. Friedrich Hölderlin, geboren 1770, gestorben 1843. Sein Halbbruder Karl Gok ließ Namen, Geburtsdatum und Todestag in den hellgrauen, 1,90 Meter hohen Sandstein meißeln. Das Geburtsdatum ist falsch: Es müsste der 20. statt der 29. März heißen. Am Kreuz gibt es einen Haken, an dem ein kupferner Lorbeerkranz hängen kann. Der letzte Kranz wird seit mehr als zwanzig Jahren sicherheitshalber im Kulturamt verwahrt, damit er nicht abhandenkommt. Den Haken ohne Kranz sehen Sie noch. Merken Sie sich den Lorbeerkranz. Er fehlt uns an der nächsten Station noch einmal.

Kurzfassung

Sie stehen am Stadtfriedhof, angelegt 1829 nach den Vorstellungen des Oberamtsarztes Gotthold Immanuel Jakob Uhland. Er ist etwa drei Hektar groß und war bis 1968 belegt. Mit Grabmälern für 170 Professoren und 112 Pfarrer zählt er zu den bemerkenswertesten Friedhöfen Deutschlands.

Für Kinder

Dieser Friedhof wurde 1829 angelegt. Ein Arzt hat sich überlegt, wie er aussehen soll: mit geraden Wegen, Bäumen und Sträuchern, die gut riechen. Am Anfang sah es hier aber eher wie eine Obstwiese aus. Hier liegen sehr viele Professoren, 170 sind es, und 112 Pfarrer. Ein Grab solltest du suchen: das von Friedrich Hölderlin, dem Dichter. Auf seinem Grabstein steht ein Fehler. Sein Bruder ließ den Geburtstag einmeißeln, aber er hat sich im Datum geirrt: Da steht der 29. März, richtig wäre der 20. März. Seit fast zweihundert Jahren steht der falsche Tag im Stein. Am Kreuz ist ein Haken. Daran hing früher ein Kranz aus Kupfer. Heute wird er im Rathaus aufbewahrt, damit niemand ihn mitnimmt. Findest du den leeren Haken?

Quellen

Koordinaten: 48.525988888, 9.057172222 · auf der Karte

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