
Vor Ihnen steht St. Johannis, die älteste Kirche der Hansestadt Lüneburg und ein bedeutendes Bauwerk der norddeutschen Backsteingotik. Sie liegt am Platz Am Sande, dem alten Handelsplatz. Das ist eine bewusste Nachbarschaft: Kirche und Markt gehörten zusammen, Gebet und Geschäft lagen hier keine fünfzig Schritte auseinander. Jetzt aber bitte nach oben schauen, und nehmen Sie sich dafür wirklich Zeit. Der Turm ist rund hundertacht Meter hoch. Eine Quelle nennt hundertacht Meter einundsiebzig, eine andere rund hundertzehn. Es ist der zweithöchste Kirchturm Niedersachsens. Und jetzt der Punkt: Er steht schief. Suchen Sie sich eine senkrechte Kante in der Nähe, eine Hauskante, einen Laternenmast. Vergleichen Sie. Etwa zwei Meter zwanzig weicht die Turmspitze nach Westen vom Lot ab. Die Kirchengemeinde selbst nennt etwa zweihundertzwanzig Zentimeter und führt es auf die Weststürme zurück. Eine Tourismusseite nennt zusätzlich eine Abweichung von einem Meter dreißig nach Süden. Diese zweite Angabe habe ich in keiner anderen Quelle gefunden. Ich sage sie Ihnen, und ich sage Ihnen, dass sie unbestätigt ist. Interessant ist ein Hinweis aus einer der Quellen: Kirchtürme wurden früher absichtlich leicht schief errichtet, um die Windlast zu verringern. Bei diesem hier fiel die Neigung nur deutlich größer aus als geplant. Und nun die Geschichte, die man sich in Lüneburg seit Jahrhunderten erzählt. Der Baumeister habe seinen Fehler bemerkt. Aus Verzweiflung habe er sich aus einem Fenster des Turms gestürzt. Er fiel auf einen vorbeifahrenden Heuwagen und überlebte unverletzt. Das nahm er als Zeichen, dass Gott die Schieflage so gewollt habe. Also feierte er in einer Wirtschaft, fiel dort von der Bank und brach sich den Hals. Keine meiner Quellen behandelt das als Tatsache. Es ist Volksüberlieferung, und sie ist viel zu gut, um wahr zu sein. Aber sie sagt etwas über diese Stadt. Man erträgt hier einen Fehler lieber mit einer guten Geschichte als mit einer Entschuldigung. Der Turm ist schief, er bleibt schief, und man hat ihm eine Legende angezogen, damit er sich nicht so allein fühlt. Drehen Sie sich jetzt einmal um die eigene Achse. Der Platz, auf dem Sie stehen, ist selbst eine Station. Vorher gehen wir aber kurz nach Süden, zu einem Turm, der das genaue Gegenteil von alt ist und trotzdem so tut.
Vor Ihnen steht St. Johannis, die älteste Kirche Lüneburgs. Sie gilt als bedeutendes Bauwerk der norddeutschen Backsteingotik. Ihr Turm ist rund hundertacht Meter hoch. Und er steht schief. Etwa zwei Meter zwanzig weicht die Spitze nach Westen vom Lot ab.
Jetzt guck mal nach oben. Weit nach oben. Dieser Turm ist hundertacht Meter hoch, das sind ungefähr sechzig Erwachsene aufeinandergestellt. Und jetzt schau noch genauer hin: Er steht schief. Die Spitze hängt über zwei Meter zur Seite, so weit wie ein Auto lang ist. Das sieht man wirklich, wenn man ein Haus daneben als Vergleich nimmt. Die Leute hier erzählen sich eine ziemlich verrückte Geschichte darüber, wie das passiert ist. Die stimmt aber nicht – die haben sie sich ausgedacht, weil ein schiefer Turm mit Geschichte einfach besser ist als ein schiefer Turm ohne. Findest du nicht auch?
Eine sehr große Backsteinkirche mit einem rund hundertacht Meter hohen Westturm. Der Turm trägt einen spitzen, kupfergedeckten Helm. Wenn Sie den Turm mit einer senkrechten Kante im Blick vergleichen, etwa mit einer Hauskante, erkennen Sie die Neigung nach Westen.
Der Baumeister habe seinen Fehler bemerkt und sich aus einem Fenster des Turms gestürzt. Er fiel auf einen vorbeifahrenden Heuwagen und überlebte. Das nahm er als Zeichen, feierte in einer Wirtschaft, fiel dort von der Bank und brach sich den Hals.
In front of you is St John's, the oldest church in Lüneburg and a major work of North German brick Gothic. It stands on Am Sande, the old trading square. Now look up, and take your time. The tower is about one hundred and eight metres high, the second tallest church tower in Lower Saxony. And it leans. The spire is roughly two point two metres out of plumb to the west. The parish itself puts it at about two hundred and twenty centimetres and blames the westerly storms. One tourism source adds a further one point three metres to the south, but I found that figure nowhere else, so treat it as unconfirmed.
Koordinaten: 53.24783, 10.41277 · auf der Karte