Stadtohr

Stadtrundgang Quedlinburg · Station 16 von 16

Stiftskirche St. Servatius

1070–1129 · romanik, krypta, nationalsozialismus, welterbe

Ausführlich

Sie stehen in der Stiftskirche St. Servatii, und wir sind am Ende des Rundgangs wieder am Anfang. Vier Kirchen stehen hier übereinander. Bau I war vor 936 die Kapelle einer Burganlage; vor ihrem Hauptaltar wurde König Heinrich I. beigesetzt. Bei der Umwandlung der Burg in das 936 gegründete Damenstift ersetzte man sie durch den größeren Bau II. In diesen wurde die Confessio des Heiligen Servatius eingebaut, bald wieder zugeschüttet und erst im neunzehnten Jahrhundert freigelegt, so wie sie heute in der Krypta zu sehen ist. Unter der Äbtissin Mathilde entstand Bau III, dessen erster Abschnitt 997 fertig war; geweiht wurde er am 24. September 1021 in Anwesenheit Kaiser Heinrichs II. Diesen Bau zerstörte 1070 ein Feuer. Hier liegt übrigens eine Unstimmigkeit in den Quellen: Der Wikipedia-Quelle zum Stift nennt für die Stiftskirche die Jahre vor 997 bis 1021. Das ist nicht der Bau, in dem Sie stehen, sondern der Vorgänger. Mit dem heutigen Bau wurde bald nach dem Brand von 1070 begonnen, geweiht wurde er Pfingsten 1129 im Beisein König Lothars III. Schauen Sie das Mittelschiff entlang. Je zwei Säulen wechseln mit einem Pfeiler ab; das nennt man niedersächsischen Stützenwechsel. Die Kapitelle und Kämpfer sind reich mit Pflanzen- und Tiermotiven besetzt, besonders mit Adlern, und Tiere sind auch das Hauptmotiv in den Friesen des Obergadens. In der Ornamentik sind starke lombardische Einflüsse zu erkennen. Der Hohe Chor wurde bis 1320 unter der Äbtissin Jutta von Kranichfeld gotisch umgebaut. Bei der Restaurierung von 1863 bis 1882 erhielt die Kirche zwei neuromanische Türme mit spitzen rheinischen Helmen. Nun der Teil, der nicht übergangen werden darf. 1936, zum tausendsten Todestag Heinrichs I., begannen nationalsozialistische Funktionäre, diese Kirche in eine Kultstätte umzubauen und ihren christlichen Charakter zu beseitigen. Am 2. Juli 1936 wurden im Rahmen eines Staatsakts gegen den Widerstand der Gemeinde die Kruzifixe abgehängt und die Bibel vom Altar entfernt. 1938 übernahm die SS die Kirche. Zwischen 1938 und 1940 wurde der Chor im Inneren umgebaut: Altar, Kanzel und Gestühl wurden entfernt, das gotische Chorgewölbe zerstört und eine pseudoromanische Apsis errichtet. Hakenkreuz- und SS-Fahnen hingen in der Kirche, im Chor stand ein steinerner Reichsadler, auf dem Dach wehte eine SS-Fahne. Ein späterer Pfarrer dieser Kirche nannte das eine Kirchenschändung. Nach 1945 wurden von den Behörden lediglich die NS-Symbole beseitigt. Der gotische Chorraum wurde bis heute nicht rekonstruiert. Wenn Sie nach vorn schauen, sehen Sie also eine Form, die aus den Jahren 1938 bis 1940 stammt. Auch die Krypta blieb nicht verschont. Himmler hielt Knochenreste, die bei Grabungen am Schlossberg gefunden worden waren, für die Gebeine Heinrichs I. und ließ sie in der Nacht vom 1. zum 2. Juli 1937 in der leeren Grabstelle neben Königin Mathilde beisetzen. Die Überreste des Sarkophages und eine Dokumentation zur NS-Zeit werden heute im Schlossmuseum gezeigt. Ab Juni 1945 fanden hier wieder Gottesdienste statt. Die Turmhelme, die am 17. April 1945 durch Artilleriebeschuss beschädigt worden waren, wurden zwischen 1946 und 1948 wiederhergestellt, allerdings mit niedrigen Pyramidendächern. Gehen Sie zum Schluss in die Krypta. An der Decke sind Reste von Seccomalerei mit biblischen Motiven erhalten, gesichert bei einer Sanierung von 2002 bis 2009. Hier liegen die Grabplatten der Äbtissinnen, und ihre Namen sind die Geschichte des Reiches in einem Raum: Adelheid I., gestorben 1044, Schwester Ottos III.; Beatrix I., gestorben 1062, Tochter Heinrichs III.; Agnes II. von Meißen, gestorben 1203, die den Knüpfteppich in Auftrag gab, der über zwanzig Jahre hier auf dem Schlossberg in Handarbeit entstand und heute in Fragmenten zu sehen ist. Und die Gebeine der Königin Mathilde liegen bis zum heutigen Tag tatsächlich hier unten. Damit schließt sich der Kreis. Vor eintausendundneunzig Jahren wurde ein König an dieser Stelle begraben, und seine Witwe gründete eine Gemeinschaft, die für ihn beten sollte. Daraus wurden achthundertsechsundsechzig Jahre Herrschaft von Frauen, eine Stadt am Fuß des Berges, tausend Fachwerkhäuser und ein Welterbe. Danke, dass Sie mitgegangen sind.

Kurzfassung

Sie stehen in der Stiftskirche St. Servatii, dem Quedlinburger Dom. Geweiht ist sie den Heiligen Dionysius und Servatius. Die flachgedeckte dreischiffige Basilika wurde im Wesentlichen zwischen 1070 und 1129 errichtet. Seit 1994 gehört sie mit Altstadt und Schloss zum Welterbe der Unesco.

Für Kinder

Du stehst in der ältesten Kirche der Stadt, oben auf dem Berg. Unter dir, in einem Raum unter dem Boden, liegt eine Königin begraben: Mathilde. Sie hat das Stift gegründet, von dem wir am Anfang gesprochen haben. An der Decke dieses Raums sind noch Reste alter Malerei zu sehen. Vier Kirchen hat es hier gegeben. Immer wenn eine zu klein wurde oder abbrannte, baute man eine neue darüber. Die jetzige ist fast neunhundert Jahre alt. Vor ungefähr neunzig Jahren ist hier etwas Schlimmes passiert. Die Nationalsozialisten, die damals in Deutschland herrschten, nahmen die Kreuze aus der Kirche und machten sie zu einem Ort für ihre eigenen Feiern. Nach dem Krieg, im Juni 1945, wurde hier wieder normal Gottesdienst gefeiert. Schau dir die Säulen an: Immer zwei runde Säulen, dann ein eckiger Pfeiler. Das ist kein Zufall, so wurde damals gebaut.

Quellen

Koordinaten: 51.7858, 11.1368 · auf der Karte

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