Stadtohr

Stadtrundgang Potsdam · Station 12 von 16

Chinesisches Haus

1750 · gartenpavillon, chinoiserie, ironie

Ausführlich

Sie stehen vor dem Chinesischen Haus, und wenn Sie es für eine hübsche Spielerei halten, dann liegen Sie nach Auffassung des Hauses selbst falsch. Zuerst die Fakten. Friedrich der Große ließ den Gartenpavillon etwa 660 Meter südwestlich von Schloss Sanssouci errichten, Johann Gottfried Büring baute ihn nach Skizzen des Königs von 1755 bis 1764 im Zeitgeschmack der Chinoiserie. Die ungewöhnlich lange Bauzeit von neun Jahren geht auf den Siebenjährigen Krieg zurück, unter dem die wirtschaftliche und finanzielle Lage Preußens erheblich litt. Erst nach dem Ende des Krieges 1763 wurden die Kabinette im Innern ausgestattet. Auf frühen Plänen zwischen 1770 und 1795 heißt das Gebäude auch Das Japanische Haus. Nun zur Form. Der Grundriss ist ein Kleeblatt. An einen kreisrunden Zentralbau schließen sich in regelmäßigen Abständen drei Kabinette an, im Wechsel mit Freiräumen. Das geschwungene zeltartige Kupferdach wird in den Freiräumen von je vier vergoldeten Palmsäulen aus Sandstein gestützt, Arbeiten des Schweizer Zierratenbildhauers Johann Melchior Kambly. Und jetzt schauen Sie die Figuren an. Am Fuß der Säulen sitzen und an den Wänden stehen vergoldete Sandsteinplastiken aus den Werkstätten von Johann Gottlieb Heymüller und Johann Peter Benkert: essende, trinkende und musizierende Chinesen. Ihre Gesichtszüge sind europäisch. Der Grund steht in einer Quelle und ist schlicht: Den Bildhauern standen Menschen aus der Region Modell. Treten Sie näher und sehen Sie sich die Gesichter an. Es sind Brandenburger. Über den Fenstertüren sitzen in Stuck gearbeitete Affen mit Musikinstrumenten, mit Blattgold überzogen. Das Deckenbild von Thomas Huber aus dem Jahr 1756 zeigt hinter einer Balustrade asiatische Menschen, umgeben von Papageien, Affen und auf Pfosten sitzenden Buddhafiguren. Samuel Wittwer, Direktor Schlösser und Sammlungen, hat in einer Dokumentation erklärt, wie das zu lesen ist. Der Pavillon sei nicht nur ein unterhaltsames Gartengebäude, sondern ein ironischer Kommentar auf die Chinamanie. Voltaire schaute nach China und preiste Konfuzius. Friedrich erwartete aus China keine Erleuchtung. Er beobachtete, dass seine Zeitgenossen die chinesische Kultur imitierten, ohne sie zu verstehen, und es gibt zwei Tiere, die berühmt dafür sind, nachzumachen ohne zu verstehen: Affen und Papageien. Beide sind hier in Gold und Farbe vertreten. Gelehrte Affen mit Brille und Musikinstrument führen die falsche Erleuchtung ins Absurde. Oben in der Kuppel sitzt ein großer Ara, nach Wittwers Beschreibung in genau der Haltung des preußischen Adlers, ein Flügel etwas eingeknickt. Friedrich selbst sprach von seinem Affenhaus. Wikidata nennt 1750, eine Quelle nennt 1755 bis 1764 als Bauzeit. Ich nenne Ihnen die ältere Angabe und sage dazu, dass es zwei gibt.

Kurzfassung

Sie stehen vor dem Chinesischen Haus, einem Gartenpavillon etwa 660 Meter südwestlich von Schloss Sanssouci. Johann Gottfried Büring baute es nach Skizzen Friedrichs des Großen von 1755 bis 1764 im Zeitgeschmack der Chinoiserie. Der Grundriss hat die Form eines Kleeblatts.

Für Kinder

Dieses goldene Haus sieht aus, als käme es aus China. Aber es steht in Potsdam und wurde von deutschen Baumeistern gebaut, vor etwa 270 Jahren. Jetzt geh näher an die goldenen Figuren heran. Sie essen, trinken und machen Musik, und sie sollen Chinesen sein. Aber schau ihre Gesichter an. Sie sehen nicht chinesisch aus. Die Bildhauer haben Leute aus der Nachbarschaft als Vorbild genommen. Niemand von ihnen war je in China. Innen sitzen Affen mit Musikinstrumenten an der Wand, und oben in der Kuppel hockt ein großer Papagei.

Quellen

Koordinaten: 52.4002, 13.0321 · auf der Karte

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