Stadtohr

Stadtrundgang Offenbach am Main · Station 11 von 16

Französisch-Reformierte Kirche

1718 · hugenotten, privilegien, scheunenform, manufakturen

Ausführlich

Sie stehen vor der Französisch-Reformierten Kirche, erbaut in den Jahren 1717 und 1718. Hier wird aus dem Wort hugenottisch geprägt, das am Anfang dieses Rundgangs stand, eine Abfolge von Daten. Am 18. Oktober 1685 hob König Ludwig XIV. das Edikt von Nantes auf, das den calvinistischen Protestanten im katholischen Frankreich religiöse Toleranz und volle Bürgerrechte zusicherte. Zahlreiche Hugenotten flohen in die Schweiz. Ab 1698 erließen die Schweizer Kantone Ausweisungsanordnungen für die Geflohenen, da die Kosten für deren Versorgung stetig anstiegen. Eine Gruppe suchte einen neuen Ort und kam nach Offenbach. Graf Johann Philipp von Isenburg-Offenbach, selbst dem reformierten Glauben angehörig, sicherte ihnen 1698 Privilegien und Hilfe ohne Bedingungen zu. 1699 wurde die Französisch-Reformierte Gemeinde Offenbach gegründet. Ein eigenes Haus hatte sie noch lange nicht. Zunächst durfte sie einen Raum der deutsch-reformierten Gemeinde benutzen, bis 1703 in der Schlosskapelle, später in der neuerbauten Offenbacher Schlosskirche. Das Entscheidende geschah am 18. Mai 1705: der Graf hob die alten Privilegien auf und erließ in vierundzwanzig Artikeln erweiterte Rechte. Sie erlaubten der Gemeinde, eine politisch selbst verwaltete Neugemeinde zu gründen, mit freier Religionsausübung nach der französischen Kirchenordnung, dem Bau einer eigenen Kirche und Schule und der freien Wahl des Pfarrers, des Lehrers und des Vorsängers. Der Graf machte dabei deutlich, dass zukünftig vornehmlich Kaufleute und Handwerker aufgenommen werden sollten. Diese Privilegien von 1705 können Sie am Ende des Rundgangs im Haus der Stadtgeschichte sehen. Und nun der wirtschaftliche Teil, der erklärt, warum Offenbach Industriestadt wurde. Die Reichsstadt Frankfurt am Main favorisierte das Zunftwesen, Graf Johann Philipp aber ließ die Gründung von Manufakturen und Fabriken zu. Also gelangten einige Hugenotten, die bereits in Frankfurt Zuflucht gefunden hatten, nach Offenbach. Sie brachten unter anderem das Wissen um die Tabakverarbeitung mit und erschlossen damit einen Wachstumsmarkt des 18. Jahrhunderts. Am Bernardbau stehen wir später vor dem Ergebnis. 1713 schenkte der Graf der Gemeinde ein am Stadtrand liegendes Grundstück, ab 1717 wurde gebaut. Das Geld kam aus Spenden des Grafen und der benachbarten reformierten Gemeinden in Frankfurt und Hanau; zusätzlich nahm man eine Hypothek auf das bereits 1706 fertiggestellte Pfarrhaus auf. Bereits 1718 wurde der erste Gottesdienst in französischer Sprache im eigenen Kirchenbau abgehalten. 1999 feierte die Gemeinde ihr dreihundertjähriges Bestehen. Schauen Sie sich die Form des Hauses an. Die Kirche wurde in der für hugenottische Bauweise typischen Scheunenform erbaut. Keine Schauseite, kein Turm, ein Nutzbau. Die neobarocke Fassade, die Sie heute sehen, gründet auf einer Renovierung von 1874 und 1875. Untypisch für einen Bau dieser Kirche waren die Erweiterungen von 1894, bei denen gemalte Fenster, eine Kassettendecke und ein Fries eingearbeitet wurden; diese Ausschmückungen wurden später wieder entfernt. Im Inneren finden sich entsprechend dem zweiten Gebot der reformierten Theologie kaum Ausschmückungen. 1838 erhielt die Kirche eine Orgel mit dreizehn Registern, 1905 erweitert, und sie wird noch gespielt. Am 20. Dezember 1943 wurden Kirche und Pfarrhaus durch Bomben stark beschädigt; 1947 wurde provisorisch instand gesetzt, erst 1953 abschließend renoviert. Das fast gegenüberliegende Pfarrhaus in der Herrnstraße, ein Barockhaus aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts, dient heute als Gemeindezentrum. Es ist eines der wenigen erhaltenen Hugenottenhäuser Offenbachs.

Kurzfassung

Sie stehen vor der Französisch-Reformierten Kirche in der Herrnstraße, erbaut 1717 und 1718. Sie gehört der Französisch-Reformierten Gemeinde Offenbach, die 1699 gegründet wurde, nachdem Graf Johann Philipp von Isenburg-Offenbach hugenottischen Flüchtlingen 1698 Privilegien und Hilfe zusicherte.

Für Kinder

Du stehst vor der Französisch-Reformierten Kirche. Die Menschen, die sie gebaut haben, kamen von weit her. In Frankreich durften sie 1685 plötzlich nicht mehr so glauben, wie sie wollten, und mussten fliehen. Man nennt sie Hugenotten. Zuerst gingen sie in die Schweiz, aber dort wurden sie wieder weggeschickt. 1698 nahm der Graf von Offenbach sie auf. Sie durften arbeiten, eine Schule bauen und 1718 diese Kirche. Schau sie an: Sie sieht aus wie eine große Scheune, ohne Turm. Das war Absicht. Die Hugenotten brachten auch ihr Wissen über Tabak mit.

Quellen

Koordinaten: 50.1064, 8.76205 · auf der Karte

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