Stadtohr

Stadtrundgang Lüneburg · Station 6 von 11

Wasserturm

1905 bis 1907 · Technik, Kaiserreich, Aussicht

Ein hoher Backsteinturm mit zwei kleinen Ecktürmchen und einem auskragenden, runden Behälteraufbau über einem Zinnenkranz. Das Bauwerk sieht aus wie ein mittelalterliches Stadttor, ist aber ein technischer Zweckbau von 1907. Im Erdgeschoss führt ein Rundbogenportal hinein.
Foto: Friedrich Haag, CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons

Ausführlich

Das ist der Lüneburger Wasserturm. Er entstand zwischen 1905 und 1907 im Südosten der Altstadt und dient heute als Aussichtsturm. Er steht zwischen einem Wohnkomplex auf dem Gelände der ehemaligen Nordlandhalle und dem alten Johanneum, das heute eine Oberschule ist. An diesem Turm gehen viele Rundgänge vorbei. Ich halte hier bewusst, und zwar wegen seiner Fassade. Schauen Sie ihn an. Zinnen, Ecktürmchen, Spitzbögen. Er sieht aus wie ein mittelalterliches Stadttor. Er ist aber keines. Vorbild für die Gestaltung war offensichtlich das Uenglinger Tor, ein echtes Stadttor aus dem 15. Jahrhundert, und das steht in der Hansestadt Stendal in der Altmark, rund zweihundert Kilometer von hier. Halten wir fest, was hier passiert ist. Ein technischer Zweckbau des frühen zwanzigsten Jahrhunderts zieht sich das Gewand eines fünfhundert Jahre älteren Bauwerks an, das aus einer anderen Stadt stammt. Die Stadt baute gerade ihre moderne Wasserversorgung. Das war Fortschritt, Hygiene, Ingenieurskunst, und es war ein Grund, stolz zu sein. Und dann steckte man dieses Fortschrittszeichen in ein Kostüm. Man wollte offenbar beides: das Neue haben und das Alte zeigen. Wer die Lüneburger Altstadt verstehen will, findet hier den Schlüssel. Diese Stadt hat ihr Mittelalter nicht nur bewahrt, weil es zufällig stehen geblieben ist. Sie hat daraus eine Haltung gemacht, und zwar spätestens hier, um 1905. Zu den Beteiligten, denn die sollte man kennen. Der Bau geht auf einen Beschluss des Lüneburger Stadtrats vom 10. November 1904 zurück. Die Skizze für den Turm entwarf der damalige Stadtbaumeister Richard Kampf. Er wurde 1859 in Hilden geboren und starb 1919 in Lüneburg. Die Ausarbeitung der Einzelzeichnungen und die Bauleitung übernahm der Architekt Franz Krüger, geboren 1873 in Berlin, gestorben 1936 in Lüneburg. Zwei Namen, die man nennen sollte, wenn man fragt, wer dieser Stadt ihr Gesicht gegeben hat. Es waren nicht nur mittelalterliche Baumeister. Es waren auch Beamte des Kaiserreichs mit einem ziemlich klaren Gefühl dafür, wie eine Stadt auszusehen hat. Gehen Sie nun zurück nach Norden, auf den Platz, von dem aus Sie eben den schiefen Turm betrachtet haben.

Kurzfassung

Das ist der Lüneburger Wasserturm. Er entstand zwischen 1905 und 1907 im Südosten der Altstadt. Heute dient er als Aussichtsturm. Das Vorbild für die Fassade war das Uenglinger Tor in Stendal, ein Stadttor aus dem 15. Jahrhundert.

Für Kinder

Dieser Turm sieht aus wie eine Ritterburg, oder? Aber jetzt kommt der Witz: Er ist überhaupt nicht alt. Er wurde erst vor gut hundert Jahren gebaut. Drinnen war ein riesiger Wasserbehälter für die ganze Stadt, damit aus allen Wasserhähnen Wasser kam. Die Leute damals fanden Technik toll, wollten aber, dass sie alt aussieht. Ein bisschen so, als würdest du einen Roboter bauen und ihm eine Ritterrüstung anziehen, damit er beeindruckender wirkt. Heute kann man hinaufsteigen. Von ganz oben sieht man über die ganze Stadt, und von dort erkennt man auch den schiefen Turm richtig gut.

Was Sie vor sich sehen

Ein hoher Backsteinturm mit zwei kleinen Ecktürmchen und einem auskragenden, runden Behälteraufbau über einem Zinnenkranz. Das Bauwerk sieht aus wie ein mittelalterliches Stadttor, ist aber ein technischer Zweckbau von 1907. Im Erdgeschoss führt ein Rundbogenportal hinein.

In English

This is the Lüneburg water tower, built between 1905 and 1907 in the south-east of the old town, and today a viewing tower. The interesting thing is how it looks. The façade was evidently modelled on the Uenglinger Tor, a genuine fifteenth century town gate in Stendal. So a technical utility building of the early twentieth century puts on the costume of a structure five hundred years older, from another town. The city was building its modern water supply, and then dressed that progress up in armour. The decision goes back to a council resolution of 10 November 1904.

Quellen

Koordinaten: 53.2467, 10.413 · auf der Karte

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