Stadtohr

Stadtrundgang Lüneburg · Station 8 von 11

Glockenhaus

1482 bis 1483 · Handwerk, Bürgersinn, Verteidigung

Ein dreigeschossiger Backsteinbau, dessen lange Seite zur Straße zeigt, mit einem steilen, ziegelgedeckten Satteldach. Die Mauern sind sehr massiv und die Fenster vergleichsweise klein. Der Bau wirkt wehrhaft, nicht wohnlich.
Foto: Frank Vincentz, CC BY-SA 3.0 · Wikimedia Commons

Ausführlich

Das Glockenhaus in der Glockenstraße 9 wurde 1482 bis 1483 erbaut. Damals hieß es Bussenhaus, in seiner Funktion als Zeughaus zeitweilig auch Bussenhus. Es war die Waffenkammer der Stadt. Der Denkmalatlas Niedersachsen führt es als Einzeldenkmal mit dem Objekttyp Zeughaus und beschreibt es als traufständigen dreigeschossigen Backsteinbau mit steilem Satteldach in Ziegeldeckung. Traufständig heißt: Die lange Seite zeigt zur Straße, nicht der Giebel. Legen Sie ruhig einmal die Hand auf die Mauer. Diese Wände sind nicht gebaut, um hübsch auszusehen. Hinter ihnen wurden die zahlreichen Waffen und Kriegsgeräte der Stadt aufbewahrt und hergestellt. Das Haus diente aber auch als Lager für Korn und Mehl, für die Wintermonate und für Belagerungszeiten. Das ist ein wichtiger Gedanke, und er gilt für die ganze Stadt: Eine reiche Stadt war eine bedrohte Stadt. Sie musste sich verteidigen können, und sie musste sich durchfüttern können. Beides lag in diesem einen Haus, und das sagt Ihnen alles über das Lebensgefühl hier. Woher der Name Glockenhaus stammt, ist nicht eindeutig geklärt. Eine Quelle sagt, auf dem Hof seien auch Glocken gegossen worden. Eine andere verweist auf die nahe gelegene Glockengießerstraße. Ich nenne Ihnen beide Fassungen, weil ich nicht weiß, welche stimmt. Dann wurde das Haus gewöhnlich. Im 18. Jahrhundert nutzte die Stadt es als Bauhof, mit Werkstätten und Wohnungen für städtische Bauarbeiter. Nach dem Ersten Weltkrieg belegte die Säuglingsfürsorge einige Räume. Danach kamen Leerstand und Verfall, und damit wäre die Geschichte eigentlich zu Ende. Ist sie aber nicht. In den 1960er Jahren gab es den Plan, das Gebäude in ein Parkhaus umzubauen. Ein Zeughaus von 1482 sollte ein Parkhaus werden. Lassen Sie das einen Moment sacken. Verhindert haben das nicht die Behörden. Verhindert haben es Bürgerinitiativen. Sie zogen 1975, im Jahr des Denkmalschutzes, mit einer bewusst provozierenden Frage in die Öffentlichkeit: Käse oder Kultur. Sie hatten Erfolg. Das Haus wurde saniert und zu einem Kulturzentrum umgebaut, eine Quelle nennt dafür die Jahre 1975 bis 1978. Für die Sanierung erhielt die Stadt Lüneburg 1978 im Landeswettbewerb Stadtgestalt und Denkmalschutz im Städtebau eine Bronzemedaille. Heute dient das Glockenhaus als Veranstaltungs- und Tagungsort. Geöffnet ist es nur zu Veranstaltungen. Wenn die Tür zu ist, ist das also kein Versehen. Merken Sie sich diese Station. Die schöne Altstadt, durch die Sie gerade gehen, ist kein Naturzustand und kein Glücksfall. Sie ist eine Entscheidung, und sie wurde hier gegen Widerstand getroffen, von Leuten mit Plakaten.

Kurzfassung

Das Glockenhaus in der Glockenstraße 9 wurde 1482 bis 1483 als Bussenhaus erbaut. Es war das Zeughaus der Stadt. Hier lagerte und entstand Kriegsgerät, und hier lagerte auch Korn für den Winter. Heute ist es ein Veranstaltungsort.

Für Kinder

In diesem Haus hat die Stadt früher ihre Waffen gelagert. Und ihr Getreide. Das klingt komisch zusammen, ist aber schlau: Wenn Feinde kamen und die Stadt umzingelten, brauchte man beides. Etwas zum Verteidigen und etwas zum Essen. Und jetzt kommt der beste Teil der Geschichte. Vor ungefähr sechzig Jahren wollte jemand aus diesem uralten Haus ein Parkhaus machen. Einfach abreißen, Autos rein. Dagegen haben ganz normale Leute aus Lüneburg protestiert, mit Plakaten und einem frechen Spruch. Und sie haben gewonnen. Deshalb steht es noch da. Manchmal reicht es eben, wenn genug Leute laut sagen: Nein, das nicht.

Was Sie vor sich sehen

Ein dreigeschossiger Backsteinbau, dessen lange Seite zur Straße zeigt, mit einem steilen, ziegelgedeckten Satteldach. Die Mauern sind sehr massiv und die Fenster vergleichsweise klein. Der Bau wirkt wehrhaft, nicht wohnlich.

Die Legende

Käse oder Kultur?

In English

The Glockenhaus at Glockenstrasse 9 was built in 1482 and 1483 as the city arsenal. Weapons and war equipment were stored and made behind these heavy walls, and the building also held grain and flour for the winter months and for times of siege. A rich town was a threatened town: it had to be able to defend itself and to feed itself, and both lay in this house. Then it became ordinary, and finally derelict. In the 1960s there was a plan to turn it into a multi-storey car park. Citizens' initiatives stopped it in 1975 with a deliberately provocative slogan, and the building became a cultural centre instead.

Quellen

Koordinaten: 53.24844, 10.40987 · auf der Karte

Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende, ODbL. Routing und Belag: Valhalla auf OSM-Daten. Objektdaten: Wikidata (CC0) und Denkmalatlas Niedersachsen. Fotos: Wikimedia Commons, Urheber und Lizenz je Bild angegeben.