Sie stehen auf dem Kastorhof. Vor Ihnen steht ein Brunnen, und an ihm lässt sich eine ganze Epoche ablesen. Von 1794 bis 1814 gehörte Koblenz zu Frankreich. 1812 ließ Jean Marie Thérèse Doazan, der Präfekt des Départements de Rhin-et-Moselle, hier einen klassizistischen Brunnen aus Basaltquadern errichten. Er hatte einen praktischen Zweck: Seit dem 15. August 1812, dem Geburtstag des Kaisers, versorgte er das Kastorviertel mit sauberem Trinkwasser aus der Quellwasserleitung von Metternich. Gebaut wurde er nach Plänen des Militär-Ingenieurs Dagobert Chauchet von dem Aachener Bildhauer Rauch. Es ist ein großer Viereckblock aus Niedermendiger Basalt, mit hohem gekehltem Sockel, weit vorspringender Abschlussplatte und zwei halbkreisförmigen Schalen aus Lahnmarmor. Obendrauf stand eine Figurengruppe aus Kalkstein mit den Personifikationen von Rhein und Mosel. Die ist nicht mehr da. Sie verwitterte so stark, dass man sie schon kurz nach 1817 entfernte. Nun zur Inschrift, und hier beginnt das eigentliche Stück. Der Präfekt ließ in den Stein meißeln, dieses Jahr 1812 sei denkwürdig durch den Feldzug gegen die Russen, unter seinem Präfekturat. Das war früh. Man schrieb den Sieg in Stein, während der Feldzug noch lief. Zwei Fehler stecken darin. Der erste: Das Französische auf dem Stein ist orthographisch falsch. Der zweite, größere: Napoleons Russlandfeldzug endete in einer Katastrophe. Was dann geschah, ist der Grund, warum dieser Brunnen bekannt ist. Im Sechsten Koalitionskrieg überquerte in der Neujahrsnacht 1814 ein vorwiegend russisches Armeekorps unter General Saint-Priest den Rhein zwischen Neuwied und der Lahnmündung, mit dem Schwerpunkt Koblenz. Es bildete den rechten Flügel von Blüchers Schlesischer Armee. Die Franzosen hatten die Stadt kurz zuvor geräumt und überließen sie kampflos. Der russische Befehlshaber hätte nun den Brunnen und die peinliche Inschrift entfernen lassen können. Er bewies Humor. Er ließ beide stehen und eine zweite Inschrift darunter setzen. Sie lautet, übersetzt: Gesehen und genehmigt durch uns, den russischen Kommandanten der Stadt Koblenz, am 1. Januar 1814. Gesehen und genehmigt. Das ist die Sprache der Verwaltung, angewandt auf eine Niederlage. Zwei Sätze an einem Trinkwasserbrunnen, und zwischen ihnen liegen ein Feldzug, ein Rückzug und ein Besitzerwechsel. Noch eine Kleinigkeit zum Standort. Die Franzosen hatten den Brunnen in die Mitte des Platzes gesetzt, in die Achse der Kastorgasse und damit genau in die Blickachse zur Kastorkirche. In den 1950er Jahren wurde er um einige Meter nach Norden versetzt, um den Blick auf die Kirche freizumachen. Drehen Sie sich jetzt zu dieser Kirche um. Sie ist das älteste erhaltene Kirchenbauwerk von Koblenz, und in ihr wurde ein Reich geteilt.
Sie stehen auf dem Kastorhof, vor dem Kastorbrunnen. Er wurde 1812 aus Basaltquadern errichtet. Seine Inschrift sollte an Napoleons Russlandfeldzug erinnern. Zwei Jahre später kam eine zweite Inschrift dazu, von einem russischen Kommandanten.
Das ist ein Brunnen aus dem Jahr 1812. Damals gehörte Koblenz zu Frankreich. Der französische Beamte ließ in den Stein schreiben, dieses Jahr sei berühmt wegen des Feldzugs gegen die Russen. Das war zu früh gefreut, denn der Feldzug ging schrecklich schief. Dann kamen die Russen selbst: In der Neujahrsnacht 1814 zogen sie in Koblenz ein. Ihr Kommandant hätte den Brunnen kaputt machen können. Stattdessen machte er einen Witz und schrieb darunter: von uns gesehen und genehmigt. Hast du schon mal zu früh gejubelt?
Koordinaten: 50.3625, 7.60347 · auf der Karte