Stadtohr

Stadtrundgang Kassel · Station 3 von 16

Treppenstraße

1953 · fußgängerzone, nachkriegszeit, stadtplanung, wiederaufbau

Ausführlich

Sie stehen in der Treppenstraße. Sie ist die erste geplante und ausgeführte Fußgängerzone Deutschlands, und ihre Vorgeschichte beginnt mit einer Zerstörung. Kassel war im Zweiten Weltkrieg ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt und Sitz von Rüstungsindustrie. Die Stadt gehörte deshalb zu den am schwersten von Luftangriffen betroffenen deutschen Städten. Die Innenstadt wurde weitgehend zerstört. Das ist der Grund, warum die Treppenstraße so entstehen konnte: Man konnte relativ frei planen, unabhängig von den alten Strukturen. Das Nahl'sche Haus mit seiner Rokokofassade, dessen Wiederaufbau schon begonnen hatte, musste der neuen Straße weichen und wurde abgebrochen. Erste Planungen für eine solche Achse durch die Altstadt gab es schon im 19. Jahrhundert und in den 1930er Jahren, als Kassel zur Gauhauptstadt ausgebaut werden sollte. Nach einem städtebaulichen Wettbewerb 1947 plante Werner Hasper die Straße. 1953 waren die Bauarbeiten beendet, eingeweiht wurde sie am 9. November 1953. Das war ungewöhnlich, denn erst 1964 räumte die Straßenverkehrsordnung Fußgängern Vorrang ein. Mitten in der Nachkriegsaufbauzeit, in der die autogerechte Stadt im Vordergrund stand, war die Treppenstraße eine bauliche Ausnahme. Schauen Sie die Straße entlang. Sie verbindet als Achse den Hauptbahnhof mit dem Friedrichsplatz. Sie folgt dem Hanggefälle und gliedert sich abwechselnd in Podeste und Treppenabschnitte, 104 Stufen auf rund 15 Meter Höhenunterschied. Eine Quelle nennt sie deshalb ein Negativbeispiel für barrierefreies Bauen. In der Mitte liegen kaskadenartige Grünflächen und zwei Springbrunnen. Die Häuser am Rand sind überwiegend zweigeschossig, langgestreckt und kammförmig angeordnet, nüchtern im Stil der 1950er Jahre. Die städtebauliche Dominante ist die ehemalige Hauptverwaltung der Elektrizitäts-Aktiengesellschaft Mitteldeutschland. Heute nutzt das Gebäude das Jugendamt der Stadt. Die Straße wurde auch Filmkulisse: 1956 für Ohne dich wird es Nacht mit Curd Jürgens, 1959 für Rosen für den Staatsanwalt, 1960 für Der letzte Fußgänger mit Heinz Erhardt und 2019 für den Tatort Das Monster von Kassel. Ihre Bedeutung ist geschrumpft. Der Fernverkehrsbahnhof wurde nach Wilhelmshöhe verlegt, Fachgeschäfte gingen zurück, der Einzelhandel konzentrierte sich auf die Königsstraße, und Einkaufszentren auf der grünen Wiese machten Konkurrenz. Die neonbeleuchteten Ladenfronten der Nachkriegszeit sind kaum noch zu erleben. Seit April 2019 steht hier der Obelisk von Olu Oguibe, ein Werk der documenta 14.

Kurzfassung

Sie stehen in der Treppenstraße, der ersten geplanten und ausgeführten Fußgängerzone Deutschlands. Sie verbindet den Hauptbahnhof mit dem Friedrichsplatz und wurde am 9. November 1953 eingeweiht. Mit 104 Stufen überwindet sie rund 15 Meter Höhenunterschied.

Für Kinder

Du stehst in einer Straße, die aus Treppen besteht. Es ist die erste Fußgängerzone Deutschlands. Sie wurde 1953 eingeweiht. 104 Stufen führen den Hang hinauf, das sind etwa 15 Meter Höhenunterschied. In der Mitte gibt es Grünflächen und zwei Springbrunnen. Warum musste man die Straße neu planen? Kassel war im Zweiten Weltkrieg stark zerstört worden. Darum konnte man etwas ganz Neues bauen. Zähle die Stufen. Kommst du auf 104?

Quellen

Koordinaten: 51.3153, 9.49444 · auf der Karte

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