Stadtohr

Stadtrundgang Jena · Station 12 von 16

Ernst-Haeckel-Haus

1882 · museum, wissenschaftsgeschichte, universität, erinnerungskultur

Ausführlich

Sie stehen vor dem Ernst-Haeckel-Haus in der Berggasse 7, der Villa Medusa. Erbaut wurde es um 1882 und diente dem Zoologen, Philosophen und Darwinisten Ernst Haeckel, der von 1834 bis 1919 lebte, bis zu seinem Tod als Wohnsitz. Heute ist es ein Museum mit angeschlossenem Archiv und Teil der Friedrich-Schiller-Universität. Diese Station ist aber kein Rundgang durch Vitrinen. Sie ist ein Beispiel dafür, wie ein Gedenkhaus mit seinem eigenen Namensgeber umgeht, und dieser Umgang hat sich mehrfach gedreht. Die Reihenfolge der Direktoren liest sich zunächst unauffällig. 1918 verkaufte Haeckel die Villa an die Carl-Zeiss-Stiftung. Sein Privatsekretär Heinrich Schmidt wurde nach Haeckels Tod Nachlassverwalter und bis zu seinem Lebensende 1935 Direktor des Hauses. Anschließend übernahm der nationalsozialistische Rassentheoretiker Victor Franz bis 1945 die Leitung, nun unter der Bezeichnung Anstalt für Geschichte der Zoologie, insbesondere der Entwicklungslehre. Nach Kriegsende übernahm die Universität die Einrichtung, das Direktorat hatte Georg Schneider bis 1959, danach Georg Uschmann bis 1979. 1965 wurde ein Lehrstuhl für Geschichte der Naturwissenschaften errichtet. 1995 wurde Olaf Breidbach Direktor. Nun der schwierige Teil. Haeckel war ein ausgesprochener Gegner eines egalitären Sozialismus, Bewunderer Otto von Bismarcks und Befürworter eines aggressiven deutschen Imperialismus. In der Zeit des Nationalsozialismus war er als Pionier der Rassenhygiene verehrt worden. In der DDR wurde derselbe Mann von der Leitung dieses Hauses zu einer progressiven Inspirationsquelle für den Realsozialismus stilisiert. Ein Beispiel, an dem man sieht, wie weit man dafür gehen musste: 1950 interpretierte Direktor Georg Schneider eine Zeichnung des sechzehnjährigen Haeckel aus dem Jahr 1850, betitelt Nationalversammlung der Vögel, als dessen Anteilnahme an der innenpolitischen revolutionären Entwicklung Deutschlands. Eine Jugendzeichnung wird zum politischen Bekenntnis erklärt. In dieser Zeit war es nur einigen wenigen Autoren gestattet, über Haeckel zu publizieren. Die damaligen Beschreibungen schildern den Wissenschaftler ausschließlich als durchweg progressiven materialistischen Denker, dessen philosophische Spekulationen Ähnlichkeiten mit dem dialektischen Materialismus von Karl Marx aufweisen. Und auch nach der Wende und der Wiedervereinigung wurden weiterhin Versuche unternommen, Autoren wie Stephen Jay Gould und André Pichot, die Haeckels Werk und Wirken kritisch interpretieren, den Zugang zum Archiv des Hauses zu verwehren. Es ist also ein Haus, in dem drei politische Systeme denselben Mann jeweils neu gedeutet haben. Sehen Sie es sich von hier aus noch einmal an. Eine ruhige Villa an einer Hanggasse, und in ihrem Archiv liegt ein Streit, der nicht beendet ist.

Kurzfassung

Sie stehen vor dem Ernst-Haeckel-Haus in der Berggasse 7. Die Villa Medusa wurde um 1882 erbaut und war bis zu seinem Tod das Wohnhaus des Zoologen und Philosophen Ernst Haeckel, der von 1834 bis 1919 lebte. Heute sind hier ein Museum und ein Archiv der Friedrich-Schiller-Universität.

Für Kinder

In diesem Haus wohnte ein Forscher: Ernst Haeckel. Er lebte von 1834 bis 1919 und erforschte Tiere, besonders Tiere im Meer. Er konnte auch sehr gut zeichnen, und viele seiner Zeichnungen liegen heute im Museum hier im Haus. Das Haus heißt Villa Medusa. Haeckel hat aber auch Dinge über Menschen behauptet, die falsch und gefährlich waren. Deshalb erzählt das Museum beides: was er entdeckt hat und wo er sich geirrt hat. Findest du es wichtig, auch die Fehler eines Forschers zu erzählen?

Quellen

Koordinaten: 50.924611111, 11.581805555 · auf der Karte

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