Wir machen an dieser Station keine Geschichte aus dem, was hier geschehen ist. Wir nennen die Tatsachen, und wir bleiben einen Moment stehen. Am Vormittag des 26. April 2002, dem Tag der letzten schriftlichen Abiturprüfungen, betrat ein 19-jähriger ehemaliger Schüler das Gutenberg-Gymnasium in Erfurt. Er erschoss elf Lehrer, eine Referendarin, eine Sekretärin, zwei Schüler und einen Polizeibeamten. Danach tötete er sich selbst. Vom ersten Schuss bis zum letzten dauerte es höchstens zwanzig Minuten. Beendet wurde die Tat nicht durch Waffen. Vor einem Materialraum traf der Täter auf den Lehrer Rainer Heise. Die Maske war abgenommen, der Lehrer erkannte ihn und sagte ihm, er könne ihn jetzt erschießen. Der Täter senkte die Waffe. Der Lehrer forderte ihn zu einem Gespräch in den nächsten Raum auf, stieß ihn hinein und schloss ihn ein. Zwei Fragen hat Erfurt danach beantworten müssen. Die erste betrifft die Schule. Der Täter war Anfang Oktober 2001 von diesem Gymnasium verwiesen worden, weil er ein ärztliches Attest gefälscht hatte. In Thüringen gab es damals an Gymnasien, anders als in den meisten anderen Bundesländern, nach der zehnten Klasse keine Prüfung und keine automatische mittlere Reife. Wer verwiesen wurde oder das Abitur nicht bestand, stand ohne jeden Schulabschluss da und hatte kaum eine berufliche Perspektive. Als mögliches Motiv gilt daher dieser aus seiner Sicht ungerechtfertigte Verweis. Der Bericht des Untersuchungsausschusses hielt später fest, dass der Verweis rechtlich nicht haltbar war. Die zweite Frage betrifft die Waffen. Der Täter war seit 2000 Mitglied in einem Schützenverein und hatte die Prüfung für eine Waffenbesitzkarte abgelegt. In den Monaten vor der Tat kaufte er zwei Waffen, Munition und Ausrüstung. Für den Verkäufer war der Kauf legal, und er meldete den Weiterverkauf pflichtgemäß den Behörden. Die Eintragungen in der Waffenbesitzkarte und die Unterlagen, die er dafür beigebracht hatte, entsprachen jedoch nicht den Anforderungen des Waffengesetzes. Die Behörden hätten die Waffen aufgrund der Meldung unverzüglich einziehen müssen. Es geschah nicht. Das ist die ganze Station. Es gibt hier keinen Zusammenhang zur Stadtgeschichte, der sich erzählen ließe, und es soll auch keinen geben. Wir gehen weiter.
Diese Station erinnert an den 26. April 2002. An diesem Vormittag tötete ein 19-jähriger ehemaliger Schüler am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt sechzehn Menschen und anschließend sich selbst. Unter den Getöteten waren elf Lehrer, eine Referendarin, eine Sekretärin, zwei Schüler und ein Polizeibeamter.
An dieser Station erzählen wir dir keine Geschichte. Hier wird an Menschen erinnert, die im Jahr 2002 an einer Schule in Erfurt getötet wurden. Das ist etwas, das man mit Erwachsenen bespricht, und nicht etwas, das man aus einem Kopfhörer erfährt. Wenn du mehr wissen willst, frag die Erwachsenen, die mit dir unterwegs sind. Wir gehen jetzt weiter zur nächsten Station.
Koordinaten: 50.981388888, 11.014722222 · auf der Karte