Stadtohr

Stadtrundgang Erfurt · Station 6 von 16

Allerheiligenkirche (Erfurt)

· kirche, gotik, kolumbarium, turm

Ausführlich

Sie stehen vor der Allerheiligenkirche, und das Erste, was Sie wissen sollten, ist: dieses Haus ist schief, und zwar mit Absicht. 1117 gründeten der Presbyter Erkenbert und der erzbischöfliche Vitztum Adalbert hier ein Augustinerchorherrenstift mit Kloster und Hospital. 1125 bestätigte Erzbischof Adalbert der Erste von Saarbrücken die Stiftung urkundlich, und im gleichen Jahr wurde die Kirche vermutlich eingeweiht. Der erste Bau hatte wahrscheinlich nur ein rechteckiges Kirchenschiff und einen nach Süden herausgerückten Westturm. 1222 brannte die Altstadt, und Kirche und Kloster fielen dem Feuer größtenteils zum Opfer. Nun der Wiederaufbau, und das ist der eigentliche Gedanke dieser Station. Er zog sich bis ins 14. Jahrhundert, und man passte den Grundriss der Straßenführung an. Stellen Sie sich vor Ihnen ein Y vor, die Gabelung von Allerheiligen- und Marktstraße. Das Haus musste in diese Gabel hinein. Die Wände des Langhauses verlaufen deshalb nicht parallel: sie beginnen schmal am Westturm und verbreitern sich nach Osten. Treten Sie in die Kirche und schauen Sie die Wände entlang, dann sehen Sie, wie der Raum auseinandergeht. Das Kirchenschiff wurde außerdem in zwei Teile getrennt und erhielt ein Dachwerk mit zwei hölzernen Spitztonnen. Diese Konstruktion ist erhalten, aber Sie sehen sie nicht, denn im 19. Jahrhundert zog man eine Flachdecke darunter. Schauen Sie den Turm hinauf, und zählen Sie mit. Er ist quadratisch und hat einen spitzen Helm, und er wurde vom Blitz verfolgt: die Spitze musste 1487, 1628 und 1870 erneuert werden. Innen führt eine hölzerne Treppe am Glockenstuhl mit der Bronzeglocke von 1619 vorbei, an der Türmerwohnung vorbei, bis in das achte und letzte Geschoss. Dort tritt man auf eine Galerie, 36 Meter hoch. Mit der Helmspitze zusammen erreicht der Turm 53 Meter und ist damit der höchste der Erfurter Altstadt. Im Dachfirst sitzt außerdem ein Dachreiter mit einer Glocke von 1415, sie wiegt 75 Kilogramm. Und zuletzt die heutige Nutzung. 1936 ging die Gemeinde in der Dompfarrei auf, seitdem ist Allerheiligen Nebenkirche des Doms. Seit 2007 steht im nördlichen Kirchenschiff ein Kolumbarium, das erste in einer römisch-katholischen Kirche in Mitteldeutschland. Die Erfurter Künstlerin Evelyn Körber entwarf es: fünfzehn übermannshohe Stelen aus Thüringer Kalkstein und sandgestrahltem Glas, jede mit zweiundvierzig Urnenfächern. Eine Glaswand zwischen den Arkaden trennt die Begräbnisstätte ab, betreten dürfen sie nur Angehörige, mit einer Chipkarte. Gottesdienste finden seither nur noch im südlichen Schiff statt. Den Namen Körber merken Sie sich. Er kommt am Ende dieses Rundgangs noch einmal vor.

Kurzfassung

Sie stehen an der Gabelung von Allerheiligen- und Marktstraße vor der Allerheiligenkirche. Gegründet wurde sie 1117, die Kirche wurde vermutlich 1125 eingeweiht. Ihr Turm ist 53 Meter hoch und damit der höchste der Erfurter Altstadt. Seit 2007 beherbergt sie ein Kolumbarium.

Für Kinder

Schau dir diese Kirche genau an, denn sie ist schief. Nicht kaputt, sondern von Anfang an schief gebaut. Vor dir teilt sich die Straße in zwei Richtungen. Als die Kirche nach einem Brand im Jahr 1222 wieder aufgebaut wurde, musste sie in die Lücke zwischen den Straßen passen. Deshalb sind die Wände innen nicht parallel: vorne am Turm ist die Kirche schmal, nach hinten wird sie breiter. Jetzt schau nach oben. Der Turm ist 53 Meter hoch, der höchste in der Erfurter Altstadt. Dreimal hat der Blitz seine Spitze zerstört.

Quellen

Koordinaten: 50.97795665, 11.026637286 · auf der Karte

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